Was heißt „sozioökonomisch“?

Versteht man Gesellschaft als sozioökonomischen Entwicklungszusammenhang, so sind Lebensweisen nicht bloß passives Ergebnis einer alles bestimmenden Ökonomie. Denn die wirtschaftliche Entwicklung ist gesellschaftlich eingebettet: Soziale Verhältnisse, politische Regulierungen, Institutionen sind nicht nur Resultate der Ökonomie, sondern sie haben ihre eigene Bedeutung. Wie der Alltag der Menschen aussieht und wie ihre alltäglichen Entscheidungen ausfallen ist nicht einfach nachgeordnetes Ergebnis „großer“ wirtschaftlicher Entwicklungen oder politischer Maßnahmen. Innovationen, Investitionen und Unternehmensstrategien treiben Veränderungen der Gesellschaft von der ökonomischen Seite an. Aber auch von Veränderungen der Lebensweise können Impulse ausgehen, die Anpassungen seitens des ökonomischen Systems provozieren. Beide Seiten entwickeln sich in Abhängigkeit voneinander, aber nach relativ autonomen Logiken. Subjektive Interessen und Motive gesellschaftlicher Akteure liefern wesentliche Antriebskräfte für die sozioökonomische Entwicklung. Die Attribute „ökonomisch“ und „sozial“ bezeichnen dabei nicht getrennte Beobachtungsbereiche, sondern verschiedene Perspektiven auf die gleichen Gegenstände. So ist Erwerbsarbeit doppelt bestimmt: Sie gehört sowohl dem ökonomischen System als auch der Lebensweise an, und nicht nur Betriebe stellen Ansprüche an die Nutzung von Arbeitskraft, auch Arbeitende haben Ansprüche an Qualität und Gestaltung des Arbeitsprozesses. Betriebe sind nicht nur Produzenten von Waren und Dienstleistungen – sie stellen auch den elementaren gesellschaftlichen Ort dar, an dem Erwerbsarbeit organisiert wird und Beschäftigte in ein Sozialgefüge integriert werden. Sie sind zugleich die zentrale Instanz, die Individuen zum Arbeitsmarkt und zu den Systemen der sozialen Sicherung in Beziehung setzt. Entscheidungen über Erwerbskonstellation und Arbeitsteilung (‚Arbeit'), über Reproduktion, Bildungserwerb, Informationsgebrauch und Konsumverhalten (‚Lebensweise') fallen im Haushalt – also außerhalb der Unternehmen, aber in Reaktion auf ökonomische Gegebenheiten, unter Berücksichtigung ökonomischer Kalküle und mit Konsequenzen für die individuelle Teilhabe wie für die Gesamtwirtschaft. Konsum schließlich ist zugleich ökonomische Nachfrage und alltägliche Lebensführung.