Denken im Modell

Der Forschungsverbund kann sich in seiner Arbeit nicht auf eine systematisch ausgeführte Theorie sozioökonomischer Entwicklung stützen und strebt auch keine vollständige theoretische Integration im Sinne eines "Systems" an. Beobachtungsdimensionen und Indikatoren sind vielmehr so zu wählen, dass der Bericht unabhängig von theoretischen Standpunkten für viele Anwenderinnen und Anwender nützlich sein kann. Hierzu ist es notwendig, sich mit Theorieansätzen auseinanderzusetzen, die Gesellschaft als sozioökonomischen Entwicklungszusammenhang auffassen und die ihrerseits Besonderheiten des "deutschen Modells" zu erklären versuchen.

Auch politische Diskurse sind unter der Fragestellung zu verfolgen, an welchen Maßstäben das politische System die sozioökonomische Entwicklung misst und mit welchen Indikatoren es sie zu beobachten versucht. Besonderes Augenmerk gilt dabei der weiteren Strategiebildung der europäischen Union im Anschluss an die Lissabon-Strategie zur Modernisierung und Verbesserung des europäischen Sozialmodells sowie Nachhaltigkeitsstrategien für Deutschland und die Europäische Union.

Um Befunde aus verschiedenen Gegenstandsbereichen zu integrieren, benötigt der sozioökonomische Berichtsansatz theoretische Modellannahmen. Produktionsmodelle, die mikroanalytisch auf Ebene des Betriebs oder Unternehmens zu beobachten sind, stehen für einen typischen Zusammenhang von markt- bzw. geschäftspolitischen Strategien von Unternehmen, typischen Formen der Betriebsorganisation sowie der sie rahmenden institutionellen Ordnung. Die Gesamtheit der gesellschaftlichen Institutionen und Regulierungen dagegen, die eine Gesellschaft in die Lage versetzen, unter Bedingungen einer Marktökonomie „als eine durch wechselseitige Abhängigkeitsbeziehungen verbundene Gesamtheit zu existieren“ (Robert Castel), kann als Sozialmodell gelten. Das Sozialmodell, das für die Lebensführung der Haushalte den Rahmen bildet, umfasst also viel mehr als ein bestimmtes Sozialstaatsregime.

Das „Denken im Modell“ soll die Berichtsgegenstände auswählen helfen, die für eine empirisch dichte Beschreibung des Lebens unter dem gegenwärtigen Produktions- und Sozialmodell benötigt werden, und Problemfelder des Umbruchs identifizieren. So beobachtet soeb seit dem ersten Bericht (soeb 1) z.B. das Nebeneinander verschiedener Verdienermodelle des Haushalts oder sicherer und unsicherer Muster der Erwerbsbeteiligung. Verschiedene Zeitmuster für Erwerbsarbeit und andere Aktivitäten, Ungleichheit bei Erwerb und Nutzung von Bildung, das Verhältnis formeller Dienstleistungen und informeller Hausarbeit, und Formen und Muster von Engagement und Partizipation waren ebenfalls von Anfang an zentral. Die Auswahl der Beobachtungsgegenstände wurde seither erweitert, z.B. durch das Themenfeld Konsum.