Diskussionsrunde 1: „Große“ Erzählung(en)

Die sozioökonomische Berichterstattung möchte mit empirischen Befunden eine Geschichte erzählen, d.h. die beobachtete gesellschaftliche Situation in einer historischen Entwicklungsperspektive deuten. Die These vom Umbruch des Sozialmodells, von der Erosion des „Teilhabekapitalismus“, von der Transformation Ostdeutschlands, von einer Abfolge verschiedener sozioökonomischer Formationen enthält alle Elemente einer solchen Geschichte: einen Konflikt oder eine Komplikation in einem zeitlich geordneten Geschehen. Sie wirft aber auch viele Fragen auf und ruft Einwände auf den Plan.

Zu den Fragen gehört, wie man komplexe gesellschaftliche Entwicklungen, die nicht synchron verlaufen, begründet periodisieren kann. Zu den Einwänden gehört, sie schildere die Entwicklung normativ als Niedergang der Nachkriegsgesellschaft, zu der die Gesellschaft aber eigentlich weder zurück möchte noch könne. Der Umbruch –zumal, wenn er ab den 70er Jahren datiert wird, –dauere schon zu lange, es gebe keine klaren zeitlichen Bezüge, und das westdeutsche Produktions- und Sozialmodell wandle sich schrittweise und kontinuierlich.

Die drei als „Trente Glorieuses“ bezeichneten Nachkriegsjahrzehnte liegen nunmehr länger zurück, als sie dauerten. Können sie noch eine Referenz sein? Macht es Sinn, sie als eine zeitlich abgegrenzte Phase zu denken? Was ist es, das diese Jahrzehnte so im sozialwissenschaftlichen und öffentlichen Bewusstsein hält? Sollte Sozialberichterstattung heute auf sie Bezug nehmen, um Konturen und Trends der aktuellen Gesellschaft sichtbar zu machen? Ist der auf die Vergangenheit gerichtete Blick der Umbruchsthese weiterhin nützlich und zukunftsweisend für Berichterstattung jetzt und in der Zukunft? Sind die Aspekte, auf deren Veränderung die Umbruchsthese ihre Aufmerksamkeit richtet, noch die, auf die es der Gesellschaft heute ankommt?

  • Einleitungsbeitrag für den Verbund: Wie viel Geschichte braucht Berichterstattung – und welche (Dr. Peter Bartelheimer, Soziologisches Forschungsinstitut (SOFI))
  • Kommentar zum Einleitungsbeitrag aus zeitgeschichtlicher Perspektive (Prof. Dr. Anselm Doering-Manteuffel, Universität Tübingen)
Vorträge Diskussionsrunde 1
Bartelheimer, Peter: Wie viel Geschichte braucht Berichterstattung – und welche PDF