Kapitel 18: Konsumteilhabe nach Wohlstandsschichten - verbreitete Defizite

Irene Becker

Die Analysen der Autorin münden in folgende Kernbotschaften:

1. Teilhabedefizite infolge materieller Armut sind einschneidender als aus gängigen Indikatoren ersichtlich: Da in unteren Schichten an Ausgaben für Grundbedarfe wenig gespart werden kann und mit steigendem materiellen Wohlstand allmählich Sättigungsgrenzen erreicht werden, wird das Ausmaß gesellschaftlicher Spaltung erst mit Analysen der Ausgaben für soziale Teilhabe augenfällig: Sie bleiben im Armutsbereich um etwa drei Fünftel hinter dem Gesamtdurchschnitt zurück, gegenüber dem Durchschnitt im Reichtumssegment zeigen sich für wesentliche Bedarfsarten Rückstände um drei Viertel bis fünf Sechstel. Bei derart gravierenden Einschränkungen kann von einem Mindestmaß an sozialer Teilhabe nicht ausgegangen werden. Damit wird auch das Ziel der Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche verletzt bzw. verfehlt.

2. Weitere Indikatoren weisen in die gleiche Richtung. Im Armutsbereich muss im Durchschnitt entspart werden, während bei Haushalten mit materiellem Reichtum trotz des hohen Konsumniveaus 30% des Einkommens für sonstige Ausgaben (Versicherungen etc.) und Vermögensbildung verbleiben. Die Diskrepanzen spiegeln sich auch in der Ausstattung mit Gebrauchsgütern. Sie klaffen zwischen einzelnen Schichten weit auseinander, obwohl aus den Ausgabenstrukturen der unteren Wohlstandsschichten der elterliche Wille erkennbar ist, den Kindern Perspektiven zu eröffnen.

3. Die Abschaffung der Arbeitslosenhilfe hat den Lebensstandard der Betroffenen drastisch reduziert und zu zunehmender Verschuldung geführt.

4. Die aufgezeigten Teilhabedefizite gefährden Stabilität und Zukunftsfähigkeit einer „Wissensgesellschaft“ und letztlich das demokratische System. Die Diskrepanzen zwischen Armut und Prekarität auf der einen Seite und Teilhabe und Reichtum auf der anderen Seite verringern sich nicht quasi „automatisch“ bei guter gesamtwirtschaftlicher Lage – das haben die letzten Jahre gezeigt. Dementsprechend sollten gezielte sozialpolitische, aber auch arbeitsmarkt- und steuerpolitische Reformen konzipiert und umgesetzt werden. 

 

Arbeitspaket 16: Schichtspezifische Konsumniveaus und -strukturen

Im Arbeitspaket 16 „Schichtspezifische Konsumniveaus und -strukturen“ (Irene Becker, Empirische Verteilungsforschung) werden Ergebnisse eines Zusatzmoduls der Verteilungsanalyse genutzt, um die in Arbeitspaket 15 nach sozioökonomischen Haushaltsgruppen aggregierten Konsumstrukturen privater Haushalte nach Einkommensklassen geschichtet auszuweisen. Neben dem scientific use file der Einkommens- und Verbraucherstichprobe (EVS) 2008 sollen die mit dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) bisher nur im Jahr 2010 erhobenen Haushaltsausgaben herangezogen werden. Verglichen werden Konsumquoten und Anteile einzelner Ausgabearten an den Konsumausgaben. Darüber hinaus wird für den unteren Einkommensbereich untersucht, ob neben dem Konsum auch langlebige Gebrauchsgüter finanziert werden konnten und inwieweit neben der Befriedigung von Grundbedürfnissen auch soziale und kulturelle Teilhabe möglich ist.

 

Bearbeiterin des Arbeitspakets

Dr. Irene Becker (Empirische Verteilungsforschung)

 
Ergebnisse
Web-Tabellen Kapitel 18 PDF
Veröffentlichungen
Becker, Irene: Konsumteilhabe bei staatlicher Mindestsicherung vor und nach Hartz IV. soeb-Working-Paper 2015-3. PDF
Becker, Irene: Einkommen, Konsum und Sparen nach Quintilen des Haushaltsnettoeinkommens - Ergebnisse der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) 2008. soeb-Working-Paper 2014-2. PDF
Vorträge
Becker, Irene (2014): Einkommen, Vermögen und Konsum. Vortrag im Rahmen des soeb-Werkstattgesprächs "Über Teilhabe berichten" am 04./05.12.2014 in PDF
Poster
Poster 18: Konsumteilhabe nach Wohlstandsschichten – verbreitete Defizite. PDF