V. Differenzierung und Ungleichheit im Konsum

Dem fünften Berichtsteil zum Thema Konsum sind fünf Kapitel zugeordnet. Die inhaltliche Koordination liegt beim Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF) in München. Es sollen mit dieser Berichtsabteilung Differenzierung und Ungleichheit der Konsummuster systematisch in den sozioökonomischen Berichtsansatz eingeführt werden. Hierzu ist das Themenfeld so weit zu fassen, wie es dem Konzept der Wohlfahrtsproduktion und der Zielfunktion der Teilhabe entspricht. Als Orientierung kann zunächst der Begriffsrahmen dienen, der für den Themenschwerpunkt „Nachhaltiger Konsum“ im Rahmen der Sozial-ökologischen Forschung des BMBF entwickelt wurde. Danach sind Besitz, Nutzung und Verbrauch von Produkten, Dienstleistungen und Infrastrukturen „instrumentell auf Bedürfnisse bezogen“ (Di Giulio u.a. 2011: 48). Die Inanspruchnahme von Konsumgütern, d.h. ihre Umwandlung in Wohlfahrtseffekte, hat sowohl eine technisch-funktionale als auch eine symbolisch-kommunikative Funktion, und individuelles Konsumhandeln umfasst gesellschaftlich eingebettete Akte der Wahl, des Erwerbs, der Nutzung bzw. des Verbrauchs, der Entsorgung oder Weitergabe von Gütern, im Fall personenbezogener Dienstleistungen auch deren Koproduktion (Kaufmann-Hayoz u.a. 2011: 89ff). Das sozial und kulturell eingebettete Konsumhandeln ist demnach Teil der Wohlfahrtsproduktion der Haushalte, und „Konsumentinnen und Konsumenten sind nicht passiv, sondern aktive Subjekte im Entstehungs- und Verbreitungsprozess von Gütern“ (Di Giulio u.a. 2011: 47f.). Der Zusammenhang zwischen der individuellen Auswahlmenge an Funktionen des Konsumhandelns und dem Ressourcenverbrauch ist nicht technisch determiniert, sondern abhängig von gesellschaftlichen Umwandlungsfaktoren. Um in diesem Begriffsrahmen die Teilhabeergebnisse von Konsumhandeln zu bewerten, steht jedoch eine Verständigung über einen Bedürfnisbegriff aus, der auf die zu untersuchende Gesellschaft bezogen ist und zum Konzept der Verwirklichungschancen passt. Soll Konsumhandeln nach seiner Nachhaltigkeit bewertet werden, so ist nach ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit zu differenzieren.

Während die Entwicklung des standardisierten Massenkonsums unter den Bedingungen des Fordismus entscheidend zu einer Angleichung von Lebensweisen beitrug, was etwa Theorien einer „nivellierten Mittelstandgesellschaft“ Belege lieferte, erwarten alle Kapitel dieser Abteilung für ihren jeweiligen Berichtsgegenstand eine weitere Pluralisierung des Konsumhandelns, die teils auf Erweiterung, teils auf zunehmende Ungleichheit von Wahlmöglichkeiten zurückgeht. Wissenschaftliches Arbeitsziel der Abteilung ist es daher, Bestimmungsfaktoren sozialen Konsumhandelns zu beobachten, die soziale Differenzierung von Konsummustern und sozialstrukturelle Ungleichheit von Konsumchancen unterscheidbar zu machen und Konsummuster zu typisieren.

Alle Kapitel dieser Abteilung werden in die Entwicklung und Mikrofundierung zweier alternativer gesamtwirtschaftlicher Konsumszenarien einbezogen. In diesem Berichtsteil greift Kapitel 19 einige dieser Fragestellungen für die Altersbevölkerung auf. Die Kapitel 17 und 18 bearbeiten schwerpunktmäßig die ökonomische Seite des Konsums, während in den Kapiteln 20 und 21 Konsum als soziale Praxis im Vordergrund steht.


Literatur

Di Giulio, Antonietta/ Brohmann, Bettina/ Clausen, Jens/ Defila, Rico/ Fuchs, Doris/ Kaufmann-Hayoz, Ruth/ Koch, Andreas (2011): Bedürfnisse und Konsum – ein Begriffssystem und dessen Bedeutung im Kontext von Nachhaltigkeit. In: Defila, Rico/ Di Giulio, Antonietta/ Kaufmann-Hayoz, Ruth (Hrsg.) (2011): Wesen und Wege nachhaltigen Konsums. München: oekom Verlag. 47-71.

Kaufmann-Hayoz, Ruth/ Bamberg, Sebastian/ Defila, Rico/ Dehmel, Christian/ Di Giulio, Antonietta/ Jaeger-Erben, Melanie/ Matthies, Ellen/ Sunderer, Georg/ Zundel, Stefan (2011): Theoretische Perspektiven auf Konsumhandeln – Versuch einer Theorieordnung. In: Defila, Rico/ Di Giulio, Antonietta/ Kaufmann-Hayoz, Ruth (Hrsg.) (2011): Wesen und Wege nachhaltigen Konsums. München: oekom Verlag. 89-123.

Bearbeiter der Abteilung

Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF) in München