Kapitel 15: Teilhabe und Grundsicherung - SGB II als Leistungssystem und Lebenslage

Dana Müller, Anja Wurdack, René Lehweß-Litzmann, Nathalie Grimm und Holger Seibert

Die Analyse zeitlicher Muster und die Auswertung qualitativer Längsschnittdaten zeigen die Vielfalt individueller biografischer Muster von SGB-II-Leistungsbeziehenden und verdeutlichen die Heterogenität dieser Gruppe. Für einen Teil der Personen im Leistungssystem sind trotz verbesserter Arbeitsmarktlage im Zeitverlauf Verfestigungstendenzen festzustellen. Andere weisen vermehrte Statuswechsel und eine hohe Dynamik in ihren Erwerbsverläufen auf und nur 28 % der Zugangskohorte von 2007 kann den Leistungsbezug dauerhaft über eine ungeförderte und bedarfsdeckende Beschäftigung verlassen.

Bei Paaranalysen wurde festgestellt, dass die Konstellation des (männlichen) Familienernährers eine besondere Rolle im SGB-II-Leistungsbezug einnimmt. Fällt das Einkommen des Mannes weg, so reicht das Einkommen der Frau nicht zur Existenzsicherung des Haushaltes aus. Ein Austritt aus dem Leistungsbezug wird u. a. durch die Wiederbeschäftigung des Mannes möglich.

Betriebswechsel sind sehr selten mit einem Austritt aus dem SGB-II-Leistungsbezug verbunden und nur ein kleiner Teil der Betriebswechsel mündet in ein stabiles langfristiges Beschäftigungsverhältnis.

SGB-II-Leistungsbeziehende leiden unter einer Teilhabelücke, die sich, laut standardisierter Umfragedaten in den letzten Jahren etwas verkleinert zu haben scheint. Analysen qualitativer Längsschnittdaten zeigen allerdings, dass trotz dieses Trends der Großteil der Leistungsbeziehenden verschlechterte Lebensbedingungen, nach wie vor einen großen „Leidensdruck“ thematisieren und ihr Leben im Grundsicherungsbezug als soziale Degradierung erleben.

Das Kapitel steht unter diesem Link als online-first Version zum Download bereit.

 

Arbeitspaket 12: Teilhabe und Grundsicherung – SGB II als Leistungssystem und Lebenslage

Das Arbeitspaket 12 „Teilhabe und Grundsicherung – SGB II als Leistungssystem und Lebenslage“ wird in einer Kooperation dreier Institute bearbeiteten: das Soziologische Forschungsinstitut (SOFI), das Forschungsdatenzentrum (FDZ-IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS). Sein Gegenstand ist die wichtige institutionelle Veränderung im deutschen Sozialstaatsmodell, die mit den „Hartz-Reformen“ der 2000er Jahre angestoßen wurde, und insbesondere die Neugestaltung der Schnittstelle zwischen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Das neue Leistungssystem der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II, auch bekannt als „Hartz IV“), zielt zwar auf Teilhabe durch möglichst rasche „Eingliederung in Arbeit“, umfasst aber neben Arbeitslosen und ihren Angehörigen in erheblichem Umfang Erwerbstätige und Nichterwerbspersonen. Drei Leitfragen leiten die Untersuchung und die Berichterstattung zu den Teilhabeeffekten des SGB II an:

  • Welche Rolle spielt das SGB II im deutschen Beschäftigungssystem? D.h., welche Arbeitsmarktrisiken sichert es ab, und wie wird das Beschäftigungssystem wiederum durch die sozialstaatliche Problembearbeitung beeinflusst? Mit welchen Nichterwerbsstatus steht das SGB II vornehmlich in Beziehung?
  • Welche zeitlichen Muster des Leistungsbezugs kennzeichnen das Grundsicherungssystem? Wie sehen die Erwerbsverläufe im Wirkungsbereich des SGB II aus und was ist ihr prekäres Potenzial? Welche Bedeutung haben die Bedarfsgemeinschaften und damit die Erwerbsbiografien der Angehörigen von Leistungsbeziehern für die Fallverläufe?
  • Wie lebt es sich im und mit dem SGB II? Wie beeinflusst die Grundsicherung für Arbeitsuchende Spielräume eigenverantwortlicher Erwerbsbeteiligung und Lebensführung?

Aus der Stellung des SGB II an der Schnittstelle zwischen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik ergibt sich die Notwendigkeit eines integrierten Berichtsansatzes, der alle vom SGB II berührten Teilhabedimensionen umfasst. In Kooperation mit Arbeitspaket 10 sind Konzepte zur Beobachtung von Konsum- und Versorgungsniveaus so anzupassen, dass sie die systembedingte Besonderheiten der Lebenslage im SGB-II-Bezug berücksichtigen (etwa Sanktionen und nicht anerkannte Bedarfe, kommunale Eingliederungsleistungen und Sachleistungen aus dem „Bildungs- und Teilhabepaket“ von 2011).

Für die Bearbeitung sind zum einen Sekundäranalysen bestehender Produkte der Statistik und Arbeitsmarktberichterstattung der BA sowie vorliegender Einzelstudien, zum anderen Auswertungen quantitativer und qualitativer Mikrodaten vorgesehen. Ausgangspunkt für die Mikroanalysen sind Personen im Erwerbsalter, die seit 2005 mindestens eine Episode des Leistungsbezugs nach dem SGB II aufweisen. Neben dem PASS und dem in Arbeitspaket 5 analysierten SIAB wird das „Administrative Panel“ (AdminP) des IAB vom FDZ-IAB für die Berichterstattung ausgewertet. Zusätzlich sind Sekundäranalysen einer qualitativen Paneluntersuchung „Prekarisierte Erwerbsverläufe“ beabsichtigt, die im Rahmen eines Auftragsprojekts  des IAB am Hamburger Institut für Sozialforschung durchgeführt wurde.

BerarbeiterInnen des Arbeitspakets

Dr. Peter Bartelheimer (SOFI), Dipl. Sozialwirtin Natalie Grimm (HIS), Dr. René Lehweß-Litzmann (SOFI), Dana Müller (FDZ-BA im IAB) und Anja Wurdack (FDZ-BA im IAB)

 
Ergebnisse
Web-Tabellen Kapitel 15 PDF
Veröffentlichungen
Seibert, Holger/Wurdack, Anja/Bruckmeier, Kerstin/Graf, Tobias/Lietzmann, Torsten (2017): Typische Verlaufsmuster beim Grundsicherungsbezug: Für einige Dauerzustand, für andere nur eine Episode. (IAB-Kurzbericht, 04/2017) PDF
Lehweß-Litzmann, René (2016): Teilhabelücke im Grundsicherungsbezug besteht, vermindert sich aber seit 2008. soeb-Working-Paper 2016-4. PDF
Müller, Dana/ Wurdack, Anja (2014): „Erwerbsverläufe und das SGB II“. Vortrag im Rahmen der SOFI-Tagungsreihe „Work-In-Progress: Teilhabebarrieren – Vielfalt und Ungleichheit im segmentierten Bildungs- und Beschäftigungssystem“ am 23./24.05.2014 in Göttingen. PDF
Lehweß-Litzmann, René (2015): „Verwirklichungschancen im Kontext des Arbeitsmarkts – Worum handelt es sich? Was kann Sozialinvestition bewirken?“. Vortrag im Rahmen des Fachgesprächs „Soziale Investitionen kritisch betrachtet: Eine Analyse der Arbeitsmarktpolitik auf europäischer Ebene“ am ifz, Salzburg, 27. November 2015. PDF
Poster
Poster 15: Teilhabe auf Grundsicherungsniveau – Verläufe, materielle und erlebte Lage. PDF