Kapitel 13: Einkommen und Vermögen: Trend zu mehr Ungleichheit hält an.

Rahmenbedingungen haben materielle Ungleichheiten verstärkt

Irene Becker

Die Autorin kommt durch ihre Analysen zu der Kernbotschaft, dass die Rahmenbedinungen materielle Ungleichheit verstärkt haben.

Im Kapitel 13 wurde die Entwicklung materieller Teilhabe untersucht. Dabei wurden Einkommens- und Vermögensverteilung zunächst isoliert betrachtet und dann in einem zweidimensionalen Schichtungsmodell zusammengeführt. Aus beiden Ansätzen ergeben sich folgende Kernbotschaften: 1) Der anhaltende Trend zu mehr Ungleichheit der (Netto-)Einkommensverteilung und zur Zunahme relativer Armut ist nur teilweise auf die (a) seit Mitte der 1970er Jahre verstärkte Spreizung der Markteinkommensverteilung zurückzuführen. Daneben wirken (b) rückläufige Schutzeffekte des Sozialversicherungssystems, des sozialstaatlichen Ausgleichs über Steuern und (steuerfinanzierte) Transfers sowie (c) der Nahbeziehungen innerhalb von Haushalten in die gleiche Richtung. 2) Relative Einkommensarmut kann nur selten durch Vermögen (zeitweilig) kompensiert werden, zumal Vermögen hier gegebenenfalls in einem selbstgenutzten Eigenheim gebunden ist. Auf der anderen Seite geht Einkommensreichtum fast immer mit einem beträchtlichen Vermögenspolster einher, wobei hier neben Selbstständigenhaushalten auch Angestellten- und insbesondere Beamtenhaushalte überproportional vertreten sind. 3) Da die derzeit günstigen makroökonomischen Rahmenbedingungen nicht per se zu einer Richtungsumkehr der Verteilungsentwicklung führen und Veränderungen der Struktur privater Haushalte nicht bzw. kaum beeinflussbar sind, kann insbesondere mit einer Neuausrichtung von arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Reformen die Zunahme der Ungleichheit von Teilhabemöglichkeiten gestoppt werden.

Das Kapitel steht unter diesem Link als online-first Version zum Download bereit.

 

Arbeitspaket 10: Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung

In Arbeitspaket 10 „Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung“ (Irene Becker, Empirische Verteilungsforschung) wird ein mit soeb 2 eingeführter eigenständiger Ansatz zur Beschreibung der Wohlstandsverteilung entwickelt und fortgeführt. Die Verteilungsanalysen im Rahmen der sozioökonomischen Berichterstattung stellen anhand der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) die Entwicklung von Einkommensungleichheit auf allen Stufen der Primär- und Sekundärverteilung dar, d.h. für Markteinkommen (z.B. Bruttostundenlöhne und Monatsvergütung), erweiterte Markteinkommen (einschließlich Renten und Pensionen),  Markt- und Nettoäquivalenzeinkommen. So lassen sich Umverteilungseffekte des sozialen Sicherungssystems und der privaten Haushalte ausweisen. Ein modifiziertes Einkommens- und Vermögenskonzept macht verschiedene Erwerbstätigengruppen hinsichtlich ihrer Vorsorgeaufwendungen vergleichbar. Wesentliche gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, welche die individuellen Verteilungspositionen beeinflussen, werden als gesellschaftliche Umwandlungsfaktoren der Wohlfahrtsproduktion systematisch in die Analyse einbezogen.

Der verteilungsanalytische Ansatz soll in zweierlei Hinsicht entsprechend den Empfehlungen des Stiglitz-Sen-Fitoussi-Reports (2009) erweitert werden:

  • um Schritte zur geforderten integrierten Analyse der Einkommens- und Vermögensverteilung,
  • und um Daten zur Ungleichheit der Konsummöglichkeiten und des faktischen Konsums (schichtspezifische Ausgabenstrukturen, Ausstattungen mit langlebigen Konsumgütern, Sparen); diese Ergebnisse werden im Kontext der Abteilung 5 (AP 16) des Berichts dargestellt.

Dabei ist auch abzuschätzen, wie weit das derzeit verwendete Statistikmodell zur Bemessung des soziokulturellen Existenzminimums bei zunehmender Spreizung der Einkommensverteilung und der Konsummuster gesellschaftliche Mindeststandards der Teilhabe für die armutsgefährdete Bevölkerung zu sichern vermag.

Zwei Zusatzmodule behandeln methodische Probleme der Verteilungsanalyse, die das Niveau der in der Sozialberichterstattung nachgewiesenen Ungleichheitsindikatoren und Armutsquoten beeinflussen:

  • Abschätzungen der Über- oder Untererfassung einzelner Gruppen oder Einkommensarten in den Haushaltsbefragungen EVS und SOEP,
  • alternative Ansätze zur Behandlung fehlender Einkommensangaben für einzelne Haushaltsmitglieder (sog. partial unit nonresponse und item nonresponse).

Bearbeiterin des Arbeitspakets

Dr. Irene Becker (Empirische Verteilungsforschung)

 
Veröffentlichungen
Becker, Irene: EVS und SOEP: methodische Aspekte bei Verteilungsanalysen. soeb-Working-Paper 2014-3. PDF
Vorträge
Becker, Irene (2015): Mindestbedarfe von Kindern in verschiedenen Rechtsgebieten - das soziokulturelle Existenzminimum gemäß SGB II als Leitfaden auf der Fachtagung zum Thema „Wieviel brauchen Kinder? Gleiches Existenzminimum für alle!" des Zukunftsforums Familie e. V. am 07.09.2015 in Berlin PDF
Becker, Irene (2014): „Das Grundsicherungsniveau im Spiegel der Verteilung und normativer Setzungen“. Vortrag am 08.04.2014 auf der Fachtagung zum Thema „Wie viel braucht der Mensch zum Leben?“/ Hans-Böckler-Stiftung, DGB PDF
Poster
Poster 13: Einkommen und Vermögen: Trend zu mehr Ungleichheit hält an. PDF