Kapitel 16: Wie das Rentensystem Erwerbsbiografien würdigt

Teilhabe durch Erwerbsarbeit und sozialstaatliche Leistungen sind eng miteinander verwoben

Janina Söhn und Tatjana Mika

Die Autorinnen kamen in ihren Analysen zu der Kernbotschaft, dass Lücken in den Erwerbsbiografien, insbesondere durch Arbeitslosigkeit und schwerwiegende chronische Erkrankungen, sich negativ auf die Höhe gesetzlicher Renten und somit auf die materielle Teilhabe der verrenteten Bevölkerung auswirken. Nur ein knappes Viertel aller Personen, die erstmalig eine Altersrente beziehen, weisen etwa 45 Jahre sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung aus. Bezieherinnen und Bezieher von Erwerbsminderungsrenten, die ein Fünftel der jährlichen Renteneintritte ausmachen, sind im Schnitt nur bis Anfang 50 erwerbstätig. Fast die Hälfte im Ergebnis ist selbst unter Berücksichtigung weiterer Einkommensquellen und der Haushaltsgröße armutsgefährdet und noch mehr geben an, sich die Zusatzzahlungen für Arzneimittel nicht leisten zu können. Gerade die Langzeitarbeitslosigkeit, die viele Erwerbsgeminderte vor ihrer Verrentung durchleben, unterstreicht die Notwendigkeit von mehr Gesundheitsprävention nicht nur in Betrieben, sondern auch in Phasen der Nicht-Erwerbstätigkeit. Zwar nehmen Erwerbsbiografien, die wegen langjähriger Hausfrauentätigkeit zu geringen Rentenansprüchen führen und die vor allem westdeutsche Frauen aufweisen, in den jüngeren Geburts- und Eintrittskohorten ab. Dennoch beziehen immer noch viele Rentnerinnen so niedrigen Renten, dass ohne die Unterstützung eines Partners ein Leben in Altersarmut droht.

Die Analysen zeigen, dass es sich lohnt, die gesamte Erwerbsbiografie in den Blick zu nehmen. Zwar ist die Phase der letzten zehn Jahre vor der Rente eine besonders kritische Episode, in der die Erwerbsteilhabe zunehmend gefährdet ist. Der längere biografische Rückblick weist aber auf einen viel früheren Beginn von Prozessen hin, die letztlich in einer nur geringen selbstständigen Absicherung im Alter und bei Erwerbsminderung enden.

Unter diesem Link kann das Kapitel als online-first Version heruntergeladen werden.

 

Arbeitspaket 13: Erwerbsverlauf und Altersübergang

Gegenstand von Arbeitspaket 13 „Erwerbsverlauf und Altersübergang“ (Soziologisches Forschungsinstitut [SOFI]) und Forschungsdatenzentrum der Rentenversicherung [FDZ-RV]) sind die Effekte einer veränderten institutionellen Rahmung der letzten Erwerbsphase und des Renteneintritts. Prägte die arbeitsmarktpolitisch motivierte Frühverrentung zur Ausgliederung Älterer aus dem Arbeitsmarkt jahrzehntelang das deutsche Produktions- und Sozialmodell, gilt die Steigerung der Erwerbsbeteiligung im höheren Erwerbsalter seit etwa einem Jahrzehnt als neue arbeitsmarkt- und sozialpolitische Antwort auf die demografische Alterung. Die Analysen in Kapitel 18 von soeb 2 haben gezeigt, dass sich sichere und prekäre Übergangsmuster älterer Erwerbspersonen sozial ausdifferenzieren und sich ihre Beschäftigungschancen insbesondere abhängig vom Qualifikationsniveau ungleich entwickeln. Da die Veränderung der institutionellen Regelungen den mehr oder weniger freiwilligen vorzeitigen Erwerbsausstieg durch dauerhaft hohe Rentenabschläge sozial hoch riskant werden lässt, ist die individuelle Gestaltung der Altersübergangsphase nunmehr von kritischer Bedeutung für Teilhabechancen und soziale Ungleichheit der Bevölkerung im höheren Erwerbsalter. Zu den institutionellen Regelungen, deren Teilhabeffekte zu beobachten sind, gehört auch die Erwerbsminderungsrente.

Aufgrund der sozialpolitischen Bedeutung und der hohen Dynamik dieser Entwicklungen soll die indikatorgestützte Beschreibung und Typisierung des Altersübergangsgeschehens auf einer breiteren Datengrundlage aktualisiert und vertieft werden. Anders als die meisten bestehenden Berichtssysteme zu Erwerbsbeteiligung und Beschäftigungssituation Älterer zielt das Arbeitspaket auf Verlaufsanalysen mit Längsschnittdaten. Arbeitspaket 13 stützt sich vorwiegend auf die prozessproduzierten Daten der Deutschen Rentenversicherung, hierdie Vollendeten Versichertenleben (VVL). Dazu wird das FDZ-RV durch eine Erweiterung der von ihm angebotenen Standarddatensätze für dieses Arbeitspaket zusätzliche Analysemöglichkeiten schaffen: Ganze Erwerbsverläufe der renteneintrittskohorten 2004, 2007, 2010 und 2014 werden so konstruiert. Als weitere Datenquelle wird eine standartisierte Befragung von Bezieherinnen und Beziehern von Erwerbsminderungsrenten sekundäranalytisch ausgewertet.

Deskriptive Analysen der Erwerbsverläufe bis zum Altersübergangs umfassen längsschnittliche Kennzahlen (z.B. Zahl an Episoden, durchschnittlicher Dauer von Zuständen) und eine Typologie von Erwerbsverläufen und Altersübergängen auf Basis von Sequenzmuster- und Clusteranalysen. Diese unterschiedlichen Muster und die erzielte Rentenhöhe werden dann nach einschlägigen Faktoren sozialer Ungleichheit (z.B. Geschlecht, Bildungsniveau, Migrationsstatus, regionale Disparitäten) differenziert analysiert.

BearbeiterInnen des Arbeitspakets

Tatjana Mika (FDZ-RV), Dr. Janina Söhn (SOFI)

 
Ergebnisse
Web-Tabellen Kapitel 16 PDF
Söhn, Janina/ Mika, Tatjana: The German statutory pension for reduced earning capacity: varying employment pathways and their association with education and medical diagnoses. Postersession im Rahmen der WiFOR Fachtagung Education, Health and Labor Market Outcomes am 09.10.2015 in Darmstadt. PDF
Mika, Tatjana/ Söhn, Janina: Frühverrentung durch Erwerbsminderung: Erwerbsbiographische Vorgeschichte. Vortrag am 14.09.2015 in Erkner. PDF
Söhn, Janina: Erwerbminderungsrenten: Erwerbsverlaufstypen, Rentenhöhe und Haushaltseinkommen. Vortrag am 26.06.2015 auf der 12. Jahrestagung des FDZ-RV in Berlin. PDF
Söhn, Janina/ Mika, Tatjana (2015): Krankheit und soziale Ungleichheit im Lebenslauf: das Risiko einer Erwerbsminderung und seine erwerbsbiographische Vorgeschichten. Vortrag auf der gemeinsamen Tagung „Lebenslauf, soziale Netzwerke und gesundheitliche Ungleichheit“ der Sektionen ‚Soziale Ungleichheit und Sozialstrukturanalyse‘ (DGS)‚ Medizin- und Gesundheitssoziologie‘ (DGS) und der AG ‚Medizinsoziologische Theorien‘ (DGMS) am 28./29.05.2015. Universität Rostock PDF
Poster
Poster 16: Wie das Rentensystem Erwerbsbiografien würdigt. PDF