III. Ungleiche Erwerbsteilhabe

Dem dritten Berichtsteil sind sieben Kapitel zugeordnet, die vom Forschungsdatenzentrum (FDZ-IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg verantwortlich koordiniert werden. Alle Kapitel behandeln aus unterschiedlicher Perspektive Bezugsprobleme zwischen betrieblichen Strategien und Lebensweisen von Erwerbspersonen. Dabei werden drei wissenschaftliche Ziele verfolgt:

  • Betriebe bzw. betriebliche Beschäftigungssysteme als Gelegenheitsstrukturen für individuelle Teilhabe zu typisieren,
  • Lebens- und Erwerbsverläufe als Chancenstruktur zu typisieren, und
  • atypische Erwerbsformen mit prekärem Potenzial im Kontext des Lebensverlaufs zu analysieren.

Vertieft wird der in soeb 2 aufgenommene Ansatz, Betriebe als institutionelle Gelegenheitsstrukturen und betriebliche Strategien als Umwandlungsfaktoren für Teilhabechancen in die Berichterstattung einzubeziehen. Die Segmentierung des Beschäftigungssystems in interne und externe, primäre (chancenreiche) und sekundäre (potenziell prekäre) Arbeitsmärkte wird aus der Entwicklung von „Bezugsproblemen“ zwischen Teilhabeansprüchen der Beschäftigten und betrieblichen Strategien erklärt. Politischer Bezugspunkt dieser Kapitel sind die Konzepte der „Übergangsarbeitsmärkte“ und der „Flexicurity“.

Die Analyse von Lebens- und Erwerbsverläufen setzt die Arbeiten zu einer „Sozialberichterstattung im Längsschnitt“ fort, die in soeb 1 begannen und die bereits eine eigene Abteilung in soeb 2 bildeten. Der individuelle Lebensverlauf wird hier als zeitlich geordnete Chancenstruktur verstanden, die durch die Lebensverläufe anderer Personen und durch soziale Institutionen strukturiert wird und in der Lebensphasen und Übergangsereignisse einen inneren Zusammenhang bilden: günstige oder nachteilige Funktionen und Handlungsoptionen kumulieren im Lebensverlauf und können gesicherte oder prekäre Verlaufsmuster begründen. Die hier vorgeschlagenen Kapitel beobachten Teilhabeeffekte mittels bestehender Mikrodatensätze im Längsschnitt und entwickeln hierzu Indikatoren und Typisierungen. Der regulierte Arbeitsmarkt und der Wohlfahrtstaat der fordistischen Kapitalismusformation ermöglichte individuell planbare Lebensverläufe und wirkte zugleich standardisierend. Eine Leitfrage dieser Berichtsabteilung lautet daher: Wie hat sich im Umbruch des Produktions- und Sozialmodells das Verhältnis von Autonomie und institutioneller Prägung des Lebensverlaufs verändert? Wie weit ist die beobachtete Pluralisierung von Lebensverläufen Ergebnis von Individualisierung, d.h. eines Zuwachses frei zugänglicher Optionen der Lebensweise, und wo reproduzieren oder vertiefen lebensverlaufsrelevante bzw. lebensverlaufssensible Institutionen des Beschäftigungssystems und des Sozialstaats die sozialstrukturelle Ungleichheit der Optionen?

Die Arbeitswelt differenziert sich in vielfältige unterschiedliche Beschäftigungssysteme und Arbeitssituationen aus, in denen das Normalarbeitsverhältnis und die Normalerwerbsbio­grafie weiter den Erwartungshorizont vieler Beschäftigter prägen, jedoch als reales Muster neben andere treten. Dabei lässt sich allein von einem bestimmten Erwerbsstatus nicht mehr auf den Grad realisierter Teilhabe schließen; ob diskontinuierliche und atypische Beschäftigung in die „Zone der Prekarität“ führen, entscheidet sich erst in der Betrachtung längerer Verlaufsmuster (ebenso muss der Haushaltskontext berücksichtigt werden, vgl. Kapitel 14).

Bearbeiter der Abteilung

Forschungsdatenzentrum (FDZ-IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg