Werkstattgespräch 5:

... und wer passt auf die Kinder der Dienstmädchen auf? Arbeit und Lebensweise im Spiegel der Haushaltsökonomie

Als Ansatz zur Lösung der Beschäftigungskrise wird häufig die Auslagerung von Haushaltsarbeit diskutiert: statt privater Haus-, Pflege und Sorgearbeit mehr erwerbsförmig geleistete Dienstleistungsarbeit im personen- und haushaltsnahen Bereich. Der Charme solcher Forderungen liegt darin, dass sich die Perspektive auf zusätzliche Beschäftigung mit dem Bedürfnis von vielen Frauen verbindet, Entlastung von Anforderungen der doppelten Lebensführung zu erhalten. Denn während die Erwerbstätigkeit und der Erwerbswunsch insbesondere von verheirateten Frauen und von Müttern deutlich zugenommen haben, hat sich an den institutionellen Grundlagen der privaten Erledigung von Haushaltsarbeit nur wenig verändert. Gerade aus dieser Kombination eines Umbruchs in der Lebensweise und dem Beharrungsvermögen familialer Institutionen (Kinderbetreuung, private Pflege, Ehegattensplitting usw.) ist ein Bedürfnis nach haushaltsbezogenen Dienstleistungen entstanden.

Die Gretchenfrage dieser Diskussionen ist, welche Form diese Auslagerung annehmen soll, damit sich die Hoffnungen auf eine positive Verstärkung von veränderten Bedürfnissen und ökonomischer Entwicklung erfüllen können. Die einen setzen auf marktförmige Dienstleistungen, die eine starke Polarisierung des Einkommensgefüges voraussetzen: Nur wenn die Dienstleister/innen ihre Arbeit zu einem niedrigem Preis anbieten, werden Haushalte, die über ein entsprechendes Einkommen verfügen, diese nachfragen. Dieser Weg ist exklusiv: Ein Teil der Bevölkerung kann diese Dienstleistungen nachfragen, die Dienstleister/innen selbst bleiben davon jedoch ausgeschlossen. Im Gegensatz dazu setzen andere auf den Ausbau staatlich finanzierter und organisierter haushaltsnaher Dienstleistungen bzw. auf den Ausbau des Dritten Sektors. Dieser Weg verlangt – neben der Angleichung der Arbeitszeiten von Frauen und Männern – steuerfinanzierte Leistungen und gerade keine Einkommensspreizung.

Das letzte SOEB-Werkstattgespräch dieser Serie stellt die Veränderungen der Lebensweise in den Mittelpunkt und fragt nach ihren sozialen und ökonomischen Implikationen. Im welchem Maße lässt sich bereits heute eine Ausdifferenzierung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Haushalte beobachten, und welche Bedeutung hat dies für die Teilhabe der Haushaltsmitglieder an der sozialen und ökonomischen Entwicklung? Welchen Einfluss hat materielle Unterversorgung für die Entwicklungsperspektiven von Kindern und Erwachsenen, und welche Bedeutung hat der demographische Wandel für diese Haushalte? Welche ökonomischen Rückwirkungen sind zu erwarten?

Durchschnittsbetrachtungen verlieren im Zuge des sozioökonomischen Umbruchs massiv an Aussagekraft: Der »Durchschnittshaushalt«, »die durchschnittliche Sparquote«, »der durchschnittliche Konsum« sagen immer weniger über die realen Lebensweisen und ökonomischen Verhaltensweisen aus. Wie differenziert und wie komplex müssen also heute Beobachtungskonzepte sein? Welche Anforderungen, Ansatzpunkte und Ideen liefern dazu bestehende Berichtsund Forschungsansätze, dies sich mit den genannten Themen beschäftigten? Auch diese Fragen wollen wir diskutieren.
(Tatjana Fuchs) 16./17. Mai 2006, Göttingen

Ergebnisdokumentation
Flyer PDF
Diskussionspapier PDF
Pressemitteilung PDF
Ergebnisbericht PDF
Beiträge
Tatjana Fuchs: Lebensweisen im Umbruch PDF
Claudia Gather: Bezahlte und unbezahlte Hausarbeit PDF
Karen Jaehrling: Soziale und haushaltsnahe Dienstleistungen PDF
Axel Schaffer, Carsten Stahmer: Aktivitätsmuster PDF
Wencke Gwozdz: Private Haushaltsarbeit PDF
Marc Ingo Wolter: Konsumchancen PDF
Christian Alt: Kinder geben Auskunft PDF
Andreas Motel-Klingebiel: Dienstleistungsbedarf in alternder Gesellschaft PDF