Werkstattgespräch 4:

Gesellschaft im Betrieb

Zentrale Veränderungen in der Gesellschaft stehen in engem Zusammenhang mit dem Strukturwandel von Arbeit. Und der Ort, an dem dieser Strukturwandel für die Beschäftigten unmittelbar wirksam wird, ist der Betrieb. Für die sozioökonomische Berichterstattung ergibt sich hier eine bedeutsame Forschungsperspektive, nämlich Gesellschaft »im Betrieb « zu beobachten. Hier werden ökonomische Strategien konkret und fassbar, hier können ihre Konsequenzen für Arbeit und Lebensweise der Beschäftigten untersucht werden. Im Mittelpunkt des Werkstattgesprächs steht die Frage, wie diese Perspektive für die regelmäßige Erfassung und Bewertung des sozialen und ökonomischen Wandels genutzt werden kann.

So entscheidet sich beispielsweise im Betrieb, ob und in welcher Form Beschäftigte eingestellt werden. Im Betrieb werden Aufstiegs- und Qualifizierungschancen angeboten oder verwehrt. Betriebliche Entlohnungspraktiken sind entscheidend für den individuellen und familiären Wohlstand. Die konkrete Ausgestaltung von Arbeitszeiten im Betrieb beeinflusst die individuellen Möglichkeiten, Familie, Freizeit und Arbeit in Balance zu halten. Der Betrieb ist zugleich ein sozialer Ort: Das Klima zwischen Kollegen, Vorgesetzten und Kunden kann entscheidend zur Zufriedenheit beitragen oder, wenn es durch starke Konkurrenz und gestörte Kommunikation geprägt ist, zum Belastungsfaktor in der täglichen Arbeit werden.

Betriebe sind eben nicht nur Produzenten von Waren und Dienstleistungen – sie stellen auch den elementaren gesellschaftlichen Ort dar, an dem Erwerbsarbeit organisiert wird und Beschäftigte in ein Sozialgefüge integriert werden. Sie sind für Individuen die zentrale Vermittlungsinstanz zum Arbeitsmarkt und zu den Systemen der sozialen Sicherung. Gesellschaft wird insofern auch – und ganz wesentlich – im Betrieb gemacht.

Doch der Betrieb ist selbst keine überhistorische Größe, er ist weit reichenden Veränderungen unterworfen: Betriebe sind heute eingebunden in komplexe Konzernstrategien und Wertschöpfungsketten, die einer beständigen Reorganisation unterliegen. Netzwerkbildung, Offshoring und Outsourcing, fortschreitende Internationalisierung und Informatisierung verändern die Charakteristik, aber auch die Handlungsmöglichkeiten und die »Strategiefähigkeit« auf betrieblicher Ebene. Als zentrale Merkmale des fordistischen Betriebes galten Stabilität und Berechenbarkeit, heute dagegen scheint der permanente Wandel zur neuen Stellgröße der betrieblichen Lebenswelt zu werden.

Damit ist Arbeit am Begriff im Spiel: Kann man heute noch im selben Sinn von »Betrieb« sprechen, wie das in den 60er Jahren der Fall war? Thema des Werkstattgesprächs werden daher auch Möglichkeiten einer theoretischen Reformulierung des Betriebskonzepts selbst sein.
(Andreas Boes, Anne Hacket, Nick Kratzer) 9./10. Mai 2006, Göttingen

Ergebnisdokumentation
Flyer PDF
Diskussionspapier PDF
Pressemitteilung PDF
Ergebnisbericht PDF
Beiträge
Anne Hacket: Einführung PDF
Andreas Boes, Anne Hacket: Bringing the Firms Back In PDF
Dieter Sauer: Reorganisation des Unternehmens PDF
Martin Kuhlmann: Reorganisation von Arbeit PDF
Christoph Köhler, Olaf Struck: Beschäftigungsverhältnisse PDF
Holger Alda: Betriebe und Arbeitseinkommen PDF
Nick Kratzer: Zeit im Übergang PDF
Tatjana Fuchs: Qualität der Arbeit PDF
Tatjana Fuchs: Gute Arbeit PDF
Peter Ellguth: Betrieb und Arbeitsbeziehungen PDF
Klaus Dörre: Fragmentierte Arbeitsbeziehungen PDF
Volker Baethge-Kinsky: Arbeiten und Lernen PDF
Rainer Land: Ostdeutschland PDF
Boy Lüthje: Bloody Fordism? PDF