Kapitel 20: Personelle Einkommensverteilung

Einkommen vermitteln als volkswirtschaftliche Aggregate auf der Makroebene zwischen Massenproduktion und Massenkonsum; auf der Mikroebene des Haushalts vermitteln sie Teilhabechancen. Die Einkommensverteilung ist eine umkämpfte Arena der Regulation.

Im Rahmen des sozioökonomischen Berichtsansatzes ist eine Gesamtdarstellung der Einkommensverteilung und der Einkommensumverteilung weder möglich noch sinnvoll. Daher wurden drei Themen ausgewählt, die wesentlich für das Verständnis von Trendbrüchen und neuen Problemlagen sozioökonomischer Entwicklung sind und die zudem eine sinnvolle Arbeitsteilung mit bestehenden spezialisierten Berichtsansätzen, insbesondere mit den Planungen für den 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung versprechen.

Entwicklung der Einkommensverteilung im Zeitverlauf auf Makro- bzw. Gruppenebene

Der sozioökonomische Berichtsansatz geht davon aus, dass für die fordistische Entwicklungsphase der Bundesrepublik eine Kopplung der Einkommensentwicklung an Produktivität und Wirtschaftswachstum kennzeichnend war, die einen allgemeinen Anstieg der Einkommen bei gleichbleibender oder leicht abnehmender Einkommensungleichheit und eine Ausdehnung des Massenkonsums ermöglichte.

Als Umbruchserscheinungen in der Einkommensentwicklung werden u.a. angenommen, dass

  • die funktionalen Einkommensarten sich ungleichgewichtig entwickeln und ungleicher verteilen (nicht zuletzt da das tarifliche Lohnfindungssystem an Geltung verliert),
  • Einkommensungleichheit zunimmt und sich die Einkommensverteilung polarisiert, was durch das steuer- und sozialstaatliche Transfersystem nur teilweise gedämpft wird,
  • die Bevölkerung im Erwerbsalter vermehrt auf steuerfinanzierte sozialstaatliche Transfers angewiesen ist, die Arbeitsentgelte ersetzen oder ergänzen.

Diese Annahmen sollen anhand von Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichproben (EVS) 1969 bis 2003 für die Gesamtgesellschaft und für sozioökonomische Gruppen geprüft werden. Dabei ist zu berücksichtigen, dass offenbar auch die Einkommensungleichheit innerhalb sozioökonomischer Gruppen (z.B. Selbstständiger) zunimmt.

Arbeitseinkommen, Haushaltseinkommen und Existenzsicherung

Im Übergang von individuellen Bruttoeinkommen zu Haushaltseinkommen sind Umverteilungen innerhalb des Haushalts und durch den Staat zu berücksichtigen; bei den letzteren kann noch zwischen Umverteilung durch Sozialversicherungen einerseits, Steuer- und Transfersystem andererseits unterschieden werden. Der Umbruch verändert das Zusammenwirken zwischen Lohnfindung und Existenzsicherung. Daher sollen mikroanalytisch Zusammenhänge zwischen ungleicher oder polarisierter Entwicklung der Arbeitsentgelte (Niedriglohnsektor) und Ungleichheit der Haushaltseinkommen (Armutsrisiko) untersucht werden.

In der fordistischen Phase unterstellte Einkommenspolitik, dass das individuelle Erwerbs­einkommen eines (männlichen) Verdieners die materielle Teilhabe einer Familie sichert. Diese idealtypische „Passung“ von Einkommenssystem und Haushalts- bzw. Familienstrukturen verändert sich derzeit von Seiten der Ökonomie wie der Lebensweise: Da der Sektor niedrig entlohnter Erwerbsarbeit wächst, sind Erwerbseinkommen häufig nicht einmal individuell existenzsichernd. Und Familien- und Haushaltskonstruktionen treten auseinander: Familienmitglieder wirtschaften seltener in einem Haushalt und leisten einander in abnehmendem Umfang Unterhalt.

Zu untersuchen ist insbesondere, wie sich die Ausdehnung des Sektors niedriger Arbeitseinkommen auf die Einkommensverhältnisse und auf die materielle Teilhabe von Haushalten auswirkt.

  • Wie entwickeln sich die Einkommenspositionen von Haushalten nach Lebensform (Haushaltstyp) und Erwerbskonstellation (Haushaltserwerbstyp)?
  • Wie entwickelt sich der Bereich niedriger Erwerbseinkommen, auch unter Berücksichtigung der zunehmend heterogenen Gruppe der Selbstständigen?
  • In welchen Haushaltskonstellationen leben Personen mit niedrigen Erwerbseinkommen (differenziert nach Haushalten mit Kindern und ohne Kinder sowie nach Verdienermodellen)?
  • Wann sind Erwerbseinkommen existenzsichernd? In welchem Verhältnis stehen sozialstaatlich reguliertes Existenzminimum und niedrige Erwerbseinkommen zueinander?

Die Veränderungen in der Einkommensverteilung setzen das soziale Sicherungssystem unter Anpassungsdruck. Im Mittelpunkt des Interesses stehen daher die Wirkungen steuerfinanzierter Transfers des Familien- bzw. Kinderlastenausgleichs und der Grundsicherung, da diese für Haushalte mit niedrigen Erwerbseinkommen die größten Verteilungseffekte auslösen und da ihre Bedeutung als Einkommenskomponente für Erwerbshaushalte zunimmt:

  • Wie verhält sich das Grundsicherungsniveau bei zunehmender Einkommensspreizung zum Durchschnittseinkommen?
  • Welchen Beitrag leisten Lohnersatz-/Lohnergänzungsleistungen und Leistungen des Familienlastenausgleichs zur Existenzsicherung?
  • Wie entwickelt sich die Bevölkerung mit Grundsicherungsleistungen? Wie groß sind die Bedürftigkeitsquoten unter Berücksichtigung des nicht geltend gemachten Bedarfs (Nichtinanspruchnahme ergänzender Grundsicherungsleistungen)?
  • In welchem Umfang werden Grundsicherungsleistungen auf individueller und auf Haushaltsebene ergänzend zu Arbeitseinkommen bezogen?

Die Untersuchung dieser Fragen bildet die Voraussetzung für die Erörterung von Alternativen zur Armutsvermeidung im Bereich niedriger Erwerbseinkommen (etwa Kombilohn, gesetzlicher Mindestlohn).

Haushaltseinkommensniveaus, Konsumstrukturen, notwendiger Lebensstandard

Da der Bereich niedriger Erwerbseinkommen vor allem durch steuerfinanzierte Sozialtransfers mit Bedürftigkeitsprüfung und nach dem Fürsorgeprinzip reguliert werden dürfte, wird das sozialstaatlich definierte soziokulturelle Existenzminimum zum zentralen Maßstab für die materielle Teilhabe großer Teile der Erwerbsbevölkerung. Daraus ergeben sich drei Forschungsfragen:

  • Wie unterscheiden sich die Konsumstrukturen (d.h. die realisierte Teilhabe) der Haushalte in unteren Einkommensgruppen von denen in mittleren und oberen Einkommenspositionen?
  • Wie können defizitärer Lebensstandard und materielle Deprivation operationalisiert werden?

Das Kapitel liefert und erläutert Messzahlen der relativen Einkommensposition, die als sozioökonomische Hintergrundvariablen in Mikroanalysen anderer Berichtsteile oder als Variablen im Ländervergleich dienen. Aus der Darstellung der Einkommensverteilung auf Makroebene werden geeignete Kennzahlen in langer Reihe ausgewählt.

Ergebnisse
Irene Becker: Zum Effekt von Abgaben und Transfers auf die personelle Einkommensverteilung PDF
Anhangtabelle PDF
Glossar Kapitel 20 "Personelle Einkommensverteilung" PDF
Becker, Irene: Abschnitt 3.3 der Langfassung von Kapitel 20 "Personelle Einkommensverteilung". PDF
Becker, Irene: Abschnitt 4.3 der Langfassung von Kapitel 20 "Personelle Einkommensverteilung". PDF
Becker, Irene: Abschnitt 4.4 der Langfassung von Kapitel 20 "Personelle Einkommensverteilung". PDF

Bearbeiter des Kapitels

Irene Becker, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt