Kapitel 21: Haushaltsnahe Dienstleistungen

Die Verwandlung bislang privat geleisteter Haushaltsarbeit bzw. haushaltsnaher Arbeit in Erwerbsarbeit ist ein zentrales Element einer sich verändernden Lebensweise und gilt unter anderem als wesentliches Kennzeichen eines Umbruchs im Genderregime. Mit der Zunahme von jüngeren und älteren Ein- bzw. Zweipersonenhaushalten und mit der Erosion des Ein-Ernährer-Modells wächst der Bedarf nach Dienstleistungen für den Haushalt, und hier wird ein bedeutendes zukünftiges Beschäftigungsfeld gesichtet.

Das Kapitel fragt nach den Bedingungsfaktoren für diese Verlagerung informeller Arbeit auf erwerbsförmige Dienstleistungsarbeit und nach möglichen ökonomischen Konsequenzen sowie Wohlfahrtseffekten für die Haushalte und für die Dienstleistenden. An notwendige Begriffsklärungen schließt sich eine erste Potenzial- und Bestandsanalyse an. Beschäftigungswirkungen sollen abgeschätzt werden, Möglichkeiten für einen Ländervergleich geprüft werden.

Begriffsklärungen

Unter Berücksichtung des Forschungsstandes der Arbeitssoziologie und -psychologie sowie der Haushaltsökonomie soll eine Heuristik des Arbeitssegments Haushaltsarbeit bzw. haushaltsnahe Arbeit erstellt werden: Welches Anforderungsniveau haben haushaltsnahe Dienstleistungen? Ist der Haushalt Arbeits- bzw. Ausführungsort, oder werden sie außerhalb des Haushalts ausgeführt? Wie formalisiert sind die Tätigkeiten? Werden sie als soziale oder marktvermittelte Dienstleistung organisiert? Ein erweiterter Begriff haushaltsnaher Dienstleistungen soll über die klassischen Bereiche der Pflege-, Betreuungs- und Hausarbeit hinausweisen. Die hierunter gefassten Tätigkeiten sind unter Verwendung der genannten Kriterien differenziert abzugrenzen.

Potenzial- und Bestandsanalyse

Über den Umfang und die Ausgestaltung von haushaltsnahen Dienstleistungen ist noch immer wenig bekannt. Auch wenn ein großer Teil dieser Arbeit statistisch nicht zuverlässig erfasst ist und in „Grauzonen“ geleistet wird, muss der Bericht hierüber Basisinformationen zu vermitteln suchen: Wie groß ist in Deutschland das Arbeitsvolumen für haushaltsnahe Dienstleistungen? Wer leistet diese Arbeit und zu welchen Einkommens- und Arbeitsbedingungen?

Dem realisierten Arbeitsangebot sind Abschätzungen zum potenziellen Bedarf nach erwerbsförmigen Haushaltsdienstleistungen gegenüberzustellen. Dabei ist nach soziokulturellen und sozialrechtlichen Bedingungsfaktoren zu fragen: In welchem Umfang existiert eine latente Nachfrage nach Unterstützung im Haushalt, bei der Pflege, der Erziehung etc.? Welche Rolle spielt die Kaufkraft der Haushalte? Wie beeinflussen kulturelle Leitbilder und Vorstellungen über die Ausgestaltung des „Wohlfahrtmix“ sowie Muster geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung die Nachfrage nach dieser Dienstleistungsarbeit und ihre institutionelle Regulierung?

Da Umfang und Art des Bedarfs je nach Haushalts- bzw. Familientyp (z.B. Rentnerhaushalte, doppelte Erwerbstätigkeit, Familien mit Kindern usw.) unterschiedlich sein dürften, ist es sinnvoll, den realisierten und den gewünschten „Wohlfahrtsmix“ aus privater, marktförmiger und sozialstaatlicher Versorgung im Haushalts- und Familienzusammenhang abzuschätzen.

Die „blinden Flecken“ bei der statistischen Erfassung dieses Dienstleistungsbereichs sollen durch die Berücksichtigung von qualitativen Untersuchungen und durch die Nutzung von Konsum- und Konsumentenstatistiken verkleinert werden. Qualitative Untersuchungen sind auch einzubeziehen, um die spezifischen Qualitäten (Einkommens- und Arbeitsbedingungen) von Dienstleistungsarbeit bzw. von privat geleisteter Arbeit zu ermitteln und zu berücksichtigen.

Beschäftigungswirkungen

Für die möglichen Beschäftigungseffekte einer Transformation privat geleisteter Arbeit in Dienstleistungsarbeit sind zu prüfen: die ökonomischen, sozialen und kulturellen Bedingungsfaktoren für eine erwerbsförmige Organisation von Haushalts-, Erziehungs-, Betreuungs- und Pflegearbeit sowie die mittel- und längerfristigen Folge- und Wechselwirkungen für die soziale Lage der Dienstleistenden und der nachfragenden Haushalte, für die Qualität der Arbeit und für das Konsum- und Einkommensgefüge. Unter Berücksichtigung des Organisationsmodus (marktförmig, sozialwirtschaftlich, sozialstaatlich) sollen begründete Alternativszenarien für die Entwicklung dieses Beschäftigungsbereichs aufgestellt und in der sozioökonomischen Modellierung auf ihre gesamtwirtschaftlichen Effekte hin geprüft werden.

Ländervergleich

Geprüft werden soll, in welchem Ausmaß und unter welchen institutionellen, sozialen und ökonomischen Voraussetzungen in vergleichbaren Ländern Haushaltsarbeit und haushaltsnahe Arbeit erwerbsförmig organisiert wird. Für Ländervergleiche sind geeignete und empirisch umsetzbare Indikatoren zu finden. Die eigentliche Herausforderung dürfte jedoch in der sensiblen Berücksichtigung von relevanten Kontextfaktoren liegen. Bereits in Deutschland dürften sowohl das Angebot als auch die Nachfrage regional differieren (z.B. zwischen städtischen und ländlichen Regionen, zwischen Ost- und Westdeutschland). Solche regionalen Unterschiede sind nach Möglichkeit auch bei internationalen Vergleichen zu berücksichtigen.

Bearbeiter des Kapitels

Internationales Institut für empirische Sozialökonomie (INIFES)