Kapitel 23: Ethnizität in der Zuwanderungsgesellschaft Deutschland

Die lange verdrängte Tatsache, dass die deutsche Gesellschaft durch Zuwanderung geprägt ist, ist mittlerweile anerkannt. In der Öffentlichkeit werden nun immer wieder Vermutungen geäußert, es bildeten sich (auch) in Deutschland deutlich und willentlich von der Mehrheitsgesellschaft separierte ethnische Gemeinschaften aus. An solche Vermutungen schließen sich häufig Forderungen nach einer forcierten Integration der Gesamtgesellschaft über eine gemeinsame Kultur und gemeinsame Werte an.

Nach den konzeptionellen Überlegungen des Verbunds bildet kulturelle Teilhabe eine eigenständige Dimension gesellschaftlicher Zugehörigkeit, die einerseits durch Bildung, andererseits aber auch durch Wertorientierungen vermittelt wird. Die sozioökonomische Berichterstattung befasst sich daher auch mit der Frage, ob sich in Deutschland ethnische Minderheiten befestigen und welche Folgen dies für die Ausdifferenzierung von Lebensweisen und Teilhabemodi haben könnte.

Im alltäglichen, politischen, zum  Teil aber auch im wissenschaftlichen Sprachgebrauch werden ethnische Minderheiten über die Herkunft, d.h. über einen länderspezifischen Migrationshintergrund abgegrenzt. Tatsächlich aber entstehen nach dem Verständnis der Migrationsforschung ethnische Gruppen nicht bereits durch Herkunft, sondern erst auf der Grundlage subjektiver Zugehörigkeit, vermittelt über Zuschreibungen der Mehrheitsgesellschaft und Selbstbilder der Zugewanderten sowie über die Ausbildung sozialer Netzwerke und institutioneller Strukturen.

Die im ersten Bericht entwickelten Kennzahlen zur Bestimmung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund werden im zweiten Bericht als soziodemografische Hintergrundvariablen genutzt. Ergänzend sollen in diesem Kapitel folgende Fragen aufgegriffen werden: Welche Bedeutung haben für Menschen mit Migrationshintergrund ethnische - und andere - Identifikationen und soziale Bezüge? Wird die deutsche Gesellschaft in kultureller und ethnischer Hinsicht dauerhaft vielfältiger bzw. heterogener?

Zunächst soll jedoch konzeptionell geklärt werden, was ethnische Minderheiten als besondere Gruppe innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund auszeichnet. Hierzu ist darzustellen, wie in anderen Einwanderungsländern ethnische Minderheiten in der Einwanderungspolitik und in der Statistik abgegrenzt werden und über welche Erkenntnisse zur Konsolidierung ethnischer Minderheiten die internationale Migrationsforschung verfügt. Anschließend sollen geeignete bzw. international gebräuchliche Indikatoren für die Herausbildung und Relevanz ethnisch geprägter sozialer Strukturen (etwa Mehrsprachigkeit, Selbstidentifikation, religiöse Strukturen, ethnische Organisationen usw.) erörtert werden. Schließlich ist zu fragen, welche dieser Indikatoren derzeit in Deutschland in Verwaltungsstatistiken, Bevölkerungsumfragen oder Einzelstudien verfügbar sind.

Ergebnisse
SOEB Arbeitspapier 2008-1: Karen Schönwälder; Helen Baykara-Krumme; Nadine Schmid: Ethnizität in der Zuwanderungsgesellschaft Deutschland: Zur Beobachtung ethnischer Identifizierungen, Loyalitäten und Gruppenbildungen. PDF
Ethnizitätskapitel - verwendete Surveys PDF
Tabelle Web 23.1: Minderjährige in Haushalten mit Migrationshintergrund PDF

Bearbeiterinnen des Kapitels

Karen Schönwälder, Helen Baykara-Krumme. Die Bearbeiterinnen sind Wissenschaftlerinnen am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).