Kapitel 15: Struktur, Vielfalt und Ungleichheit in Lebensverläufen

In diesem Kapitel werden die konzeptionellen Vorarbeiten zum Begriff des Lebensverlaufsregimes und ein Überblick über die methodischen Zugänge zur Analyse von Lebensverläufen geleistet.

Der Begriff des Lebensverlaufsregimes spannt durch die Integration einer Reihe von Einzelbefunden einen konzeptionellen Rahmen zur systematischen Analyse von Lebensverläufen im historischen und im internationalen Vergleich auf. K.U. Mayer definiert in einer historischen Analyse deutscher Lebensverlaufsregimes wesentliche Dimensionen einer solchen vergleichenden Untersuchung. Er spricht von einer „Entstandardisierung“ des Lebensverlaufs im Übergang von einem spätindustriellen fordistischen zu einem postfordistischen Muster, wobei die Ausprägung von Lebensaltersphasen ebenso eine Rolle spielt wie politische Institutionen, Einkommen oder subjektive Komponenten. Beispielsweise wird das fordistische „Male-Breadwinner“-Modell mit wachsendem tertiärem Bildungssektor und früherer Heirat und Kindsgeburt durch ein postfordistisches Individualmodell mit unterbrochenen, verlängerten und lebenslangen Ausbildungszeiten, späterer Heirat und Pluralisierung von Lebensformen abgelöst.

Dieses Konzept bildet den theoretischen Ausgangspunkt für eine empirische Überprüfung: Dabei wird zunächst der Frage nachgegangen, ob das westdeutsche Lebensverlaufsregime und der Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Lebensverlaufsregime im Rahmen der Berichterstattung empirisch anhand von Makroindikatoren sekundäranalytisch beschrieben werden kann. Weiterhin ist zu untersuchen, inwieweit diese Annahmen für Ostdeutschland gültig sind oder ob es gilt, ein eigenes ostdeutsches Lebensverlaufsregime herauszuarbeiten.

Den Lebensverlauf auf der Mikroebene als Ganzes adäquat zu analysieren, ist zu komplex und nur unbefriedigend durchführbar. In der Konzeptionsphase des zweiten Berichts wurde daher von Karin Kurz folgendes Vorgehen vorgeschlagen:

  • Es sollen zunächst die Randphasen des Lebensverlaufs, also das Erwerbseinstiegsalter und das Erwerbsausstiegsalter untersucht werden, da sich die großen Veränderungen auf der individuellen bzw. Haushaltsebene nicht so sehr in der Haupterwerbsphase zwischen ca. 35 und 55 Jahren zeigen, sondern eher in den Lebensjahren davor und danach.
  • Nicht singuläre Ereignisse oder Sequenzen prägen Lebensverläufe, sondern vielmehr Gleichzeitigkeiten in verschiedenen Lebensbereichen. Daher soll das Zusammenwirken von Übergängen und Ereignissen in verschiedenen Lebensbereichen für beide Phasen untersucht werden.

Entsprechend wird der Lebensverlauf in drei Phasen eingeteilt, die in den folgenden Kapiteln dieser Abteilung behandelt werden:

  • die Phase der jungen Erwachsenen bis etwa 35 Jahre, während des Berufseinstiegs und Familiengründung,
  • die Haupterwerbsphase und
  • die Altersübergangsphase der über 55jährigen

Der Betrachtung der Gleichzeitigkeit von Ereignissen in den verschiedenen Phasen wird unter Anwendung verschiedener Analysedesigns und Methoden Rechnung getragen, die in den entsprechenden Kapiteln detaillierter erörtert werden: in der Phase der jungen Erwachsenen Längsschnittanalysen (Sequenzanalysen, Optimal Matching), in der Haupterwerbsphase multivariate Ereignisanalysen, in der Altersübergangsphase Kennziffern zur Verlaufsbeschreibung.

Ergebnisse
Bartelheimer, Peter (2010): Prekarität als Risiko im Lebensverlauf. WSI-Herbstforum. PDF

Bearbeiter des Kapitels

Tanja Schmidt, Schmidt Sozialforschung