Kapitel 17: Erwerbsverläufe in der Haupterwerbsphase. Pluralisierung und Prekarisierung der Erwerbsverläufe?

Der erste Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland hat gezeigt, dass Erwerbsbeteiligung nach Jahrzehnten wachsender Unterbeschäftigung für viele unsicherer und prekärer wurde, dass das Gelingen von Erwerbsbeteiligung und Erwerbsbiografien bedroht erscheint. Jedoch zeigte sich auch, dass die neuen Risiken nur zum kleineren Teil ganz an den Rand des Erwerbssystems führen (Ausgrenzung). Im Erwerbssystem selbst entsteht eine Zone unsicherer, diskontinuierlicher Erwerbsverläufe. Und eine breite Zone von Beschäftigten mit immer noch „normalen“ Beschäftigungsverhältnissen und Arbeitsbiografien ist von diesen Veränderungen nicht direkt betroffen, sondern erlebt sie nur als subjektiv bedrohliche Möglichkeit.

Dieses Kapitel zielt darauf, eine mikroanalytische Fundierung für die Beobachtung der Erwerbsbeteiligung vorzulegen, während das Kapitel Erwerbsbeteiligung in der Abteilung „Unsichere Erwerbsbeteiligung“ sich in erster Linie auf der Makroebene bewegt. Hier werden daher quantitative Analysen durch qualitative Forschungsansätze ergänzt.

Mit der Frage der Prekarität bzw. Sicherheit von Erwerbsbeteiligung wird letztlich die Qualität der Erwerbsbeteiligung angesprochen, die unterschiedliche Dimensionen umfasst. Prekarität messbar und berichtbar zu machen erfordert – neben einer intensiven theoretischen Vorarbeit – ein vielschichtiges und umfassendes empirisches Design. Da Prekarität eher eine Eigenschaft von Erwerbsverläufen als von bestimmten Beschäftigungsverhältnissen ist, lassen sich Bewertungsmaßstäbe dafür, welche Erwerbsbeteiligungsmuster der Zone der Prekarität zuzurechnen sind, nur aus Längsschnittanalysen gewinnen. Hier sollen multivariate Ereignisanalysen, wie etwa Cox-Regressionen, die eine gleichzeitige Berücksichtigung von zeitvariaten Kovariaten zulassen, zum Einsatz kommen.

Erst durch eine Betrachtung von Erwerbsverläufen können neben aktueller Erwerbsbeteiligung auch mittel- und langfristige Folgen von unterschiedlicher Erwerbsbeteiligung auf den Erwerbsverlauf abgebildet werden. Neben objektiven Merkmalen nehmen subjektive Wahrnehmungen der Erwerbssituation sowie subjektiv erlebte Sicherheit bzw. Unsicherheit als Kriterien eine besondere Stellung ein.

Die neue Unsicherheit der Erwerbsbeteiligung trifft nicht alle Erwerbspersonen gleichermaßen. Aufgabe des Kapitels ist es, mögliche Segmentierungslinien des Arbeitsmarktes zwischen verschiedenen Beschäftigungsgruppen (je nach Bildung, Beruf, Geschlecht, Alter und Region) zu betrachten und aufzudecken:

  • Übergangsereignisse. Welchen Personen gelingt der Übergang von Arbeitslosigkeit in Beschäftigung, und welche Qualität haben die neu begonnenen Beschäftigungsverhältnisse? Welche Rolle spielen dabei räumliche Mobilität und die Einkommensperspektive? Welche Zusammenhänge existieren zwischen Einkommen und Beschäftigungsstabilität?
  • Erwerbsbeteiligungsmuster. In welchem Ausmaß kumulieren Beschäftigungsrisiken im Erwerbsverlauf? Lassen sich bestimmte Typen von Erwerbsverläufen unterscheiden? Wodurch definiert sich prekäre Erwerbsbeteiligung und wie lässt sie sich messen? Hierzu sind ganze Erwerbsbiografien oder längere Sequenzfolgen zu analysieren und zu typisieren.
  • Subjektive Bewertung individueller Erwerbsintegration. Wirken Unsicherheitsgefühle und Sorgen um die eigene Erwerbssituation auf den Familien- und Haushaltskontext? Welche Rückwirkungen ergeben sich auf die realisierbare Erwerbsbeteiligung und Qualität der Arbeitsplätze?
Ergebnisse
Peter Bartelheimer: Prekarität als Risiko im Lebensverlauf PDF

Bearbeiter des Kapitels

Anne Hacket, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF München)