Kapitel 7: Neudefinition der bürgerlichen "Grundbildung" und gefährdete Bildungsteilhabe

Bildung strukturiert soziale Ungleichheit, d.h. sie drückt bestehende sozioökonomische Statusunterschiede aus und kann diese verstärken oder abschwächen. Dabei ist zu unterscheiden zwischen ungleicher Teilhabe an Bildung (Zugang zum Bildungssystem und Bildungsweg) und ungleicher Teilhabe durch Bildung (Bildungseffekte bei Erwerbsintegration, Erwerbseinkommen, Lebensweise).

Im zweiten Bericht zur sozioökonomischen Entwicklung ist die Behandlung des Themas vor allem auf die Effekte ausgerichtet, die Ungleichheiten bei Bildungserwerb und Bildungsstand auf andere Teilhabedimensionen ausüben. So ist eine sinnvolle Arbeitsteilung mit einem anderen Berichtsansatz erreichbar, nämlich der Bildungsberichterstattung im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Gestützt auf das Indikatorenmodell des Konsortiums Bildungsberichterstattung wird in diesem Kapitel ein aktueller Überblick über Formen und Ausmaß von Bildungsungleichheit in Deutschland gegeben. Die zusammenfassende Darstellung orientiert sich an zwei Fragestellungen:

  • Effekte der Regulierung durch die Struktur des Bildungssystems („Bildungsexpansion ohne Bildungsreform“): Zur sozialen Selektivität des Bildungssystems tragen dessen interne Segmentierung, d.h. die Abschottung oder Verriegelung verschiedener Bildungswege gegeneinander, und dessen Verselbstständigung gegenüber Beschäftigungssystem und Lebensweise bei.
  • Maßstäbe für Bildungsteilhabe: Beim Unterschreiten eines Bildungsniveaus, das für ein Mindestmaß gesellschaftlicher Teilhabe notwendig ist, droht Ausgrenzung. Zur Abbildung solcher Ausgrenzungsgefahren sind Teilhabekonzepte, wie sie in anderen Dimensionen Anwendung finden, nicht ohne weiteres geeignet. Hier wird daher der Diskussionsstand zu einem dem Gegenstand Bildung angemessenen Teilhabekonzept dargestellt. Vereinzelt identifizierte kritische Schwellen wie „Bildungsarmut“ oder „Geringqualifizierte“ bieten Anhaltspunkte für die Erarbeitung. Aufgrund der besonders hohen Dynamik im Erwerb von Qualifikationen und der Schwierigkeiten bei der Bewertung von Bildungspositionen, die in der Vielfalt von Bildungsmöglichkeiten und ihrer sozialen Erträge begründet sind, wird sich eine Zone prekärer Bildungsteilhabe zunächst nur in einer ersten theoretischen und konzeptionellen Annäherung beschreiben lassen.

Auf der Makroebene sind ggf. Kennzahlen zu bilden, etwa:

  • zu Größe und Zusammensetzung der Gruppe der „unversorgten“ jungen Erwachsenen, die sich nicht in Bildungsgängen befinden, keine Berufsausbildung besitzen und nicht an Erwerbsarbeit teilhaben;
  • qualifikationsspezifische Kennzahlen der Erwerbsbeteiligung;
  • zu den Anteilen des dualen Systems, des Schulberufssystems und des Übergangssystems sowie der Hochschulen an der beruflichen Erstausbildung;
  • und zur Entwicklung des Weiterbildungssektors.

Diese Kennzahlen werden in zahlreichen weiteren Kapiteln unseres Berichts benötigt, um Bildungseffekte bei ungleicher Teilhabe darzustellen.

Bearbeiter des Kapitels

Soziologisches Forschungsinstitut an der Georg-August-Universität Göttingen (SOFI)