Kapitel 5: Ostdeutschland

Im Unterschied zur Hauptrichtung der Transformationsforschung fasst der Verbund die Entwicklung Ostdeutschlands nicht als Sonderfall auf, sondern stellt sie in einen Zusammenhang zum Umbruch des westdeutschen Produktions- und Sozialmodells. Demnach sind in Ostdeutschland grundsätzlich die gleichen Umbruchprobleme wie in Westdeutschland zu beobachten: Brüche in der Entwicklung der Industriestruktur und der Produktionssysteme, Erosion der fordistischen Erwerbsarbeit, neue soziale Problemlagen. Die Besonderheit des „Umbruchs Ost“ liegt zum einen darin, dass dieser in einem verschärften, zeitlich gerafften und konzentrierten Szenario abläuft, zum anderen in der Vorgeschichte: einer staatssozialistischen Variante des Fordismus und einer „Transformation durch Beitritt“. Das Kapitel begründet und überprüft diese Situationsdeutung anhand eigener Untersuchungen und Auswertungen, aber auch anhand von differenzierten Befunden für West- und Ostdeutschland aus anderen Kapiteln des Berichts.

Regulierung durch „Institutionentransfer“

Das Wirtschafts- und Sozialmodell der DDR verlor bereits in den siebziger Jahren seine Dynamik, zehrte „von der Substanz“ und war in den 80er Jahren in den politischen Zusammenbruch der staatssozialistischen Wirtschafts- und Sozialsysteme in Europa einbezogen. Die Besonderheit der deutschen Konstellation lag in der „Transformation“ durch Beitritt. Die Institutionen und Organisationen des westdeutschen Wirtschafts- und Sozialmodells wurden nach Ostdeutschland transferiert. Damit konnte anders als in den mittelosteuropäischen Transformationsgesellschaften ein politisch komplizierter und langwieriger Prozess der institutionellen Neuverfassung „übersprungen“ werden. Aber die deutsche Vereinigung erfolgte nicht in den Hochzeiten fordistischer Entwicklung, sondern in den Umbruch des westdeutschen Modells hinein. Die Übertragung der Institutionen konnte keine funktionsfähige Entwicklung nach westdeutschem Vorbild in Gang setzen. Die deutsche Vereinigung konnte in den 1990er Jahren keine Kopie des Wirtschaftswunders der 1950er und 1960er Jahre installieren. Tatsächlich ging und geht es um die Bewältigung eines Umbruchsszenarios durch die Suche nach neuen Entwicklungspfaden. Manche der ostdeutschen Entwicklungen lassen sich daher auch als Experimente mit neuen wirtschaftlichen und sozioökonomischen Strukturen verstehen.

Gesamtwirtschaftliche Entwicklung und West-Ost-Transfers

In diesem Abschnitt werden Probleme der makroökonomischen Entwicklung und der Finanz- und Realtransfers zwischen West- und Ostdeutschland behandelt. Im Mittelpunkt stehen die Produktions- und Produktivitätslücke, die divergenten Dynamiken, das Problem der Sozialtransfers, der Investitionen, und des Infrastrukturaufbaus. Zu diskutieren ist, welche langfristige Wirkung die westdeutsch-ostdeutsche Transferökonomie für die Überwindung der Produktionslücke und des Produktivitätsrückstandes und die Angleichung der Lebensbedingungen in beiden Landesteilen hat.

Vergleich der ostdeutschen Entwicklung mit anderen Transformationsgesellschaften

In einem knappen Überblick werden die Forschungsergebnisse der vergleichenden Transformationsforschung rekapituliert. An wichtigen, international vergleichbaren wirtschaftlichen und sozioökonomischen Indikatoren wird dargestellt, worin die grundlegenden Unterschiede der verschiedenen Transformationspfade bestehen und welche Ergebnisse die verschiedenen Transformationsländer von ihren jeweiligen Ausgangspunkten aus mit ihren Transformationspfaden erreicht haben.

Fragmentierung wirtschaftlicher Entwicklung als Umbruchsproblem

In der Wirtschaftsstruktur war das fordistische Produktionsmodell bis 1990 in der DDR noch deutlicher und einseitiger ausgeprägt als in Westdeutschland. Die Modernisierung dieser Wirtschaftsstruktur erfolgte durch ihre rasche Eingliederung in die westdeutsche Wirtschaft (Privatisierung durch Verkauf vor Sanierung). Unter Umbruchsbedingungen waren Weltmärkte für fordistische Massenprodukte weitgehend besetzt, wuchsen kaum oder schrumpften. Gleichzeitig brachen Märkte in Osteuropa (UdSSR, RGW) weg und erstarkte gerade dort eine internationale Konkurrenz. Große Teile der ostdeutschen Wirtschaft wurden mit ihrer Integration in die westdeutschen Industriestrukturen überflüssig. Eine erste Folge war weit reichende Deindustrialisierung.
 
Zweitens bildete sich ein kleines Segment überdurchschnittlich produktiver gewerblicher Betriebe mit einem modernisierten fordistischen Produktionsmodell heraus, die kleine Nischen, Marktlücken, Defizite der westdeutschen Industriestruktur oder auch spezifisch ostdeutsche Mitgegebenheiten und Vorteile für eine dynamische Unternehmensentwicklung mobilisieren konnten. Dabei handelt es sich teilweise um privatisierte Betriebe aus der DDR, teilweise um Neugründungen; es gibt in diesem Segment Filialen westdeutscher oder internationaler Konzerne aber auch eigenständige Betriebe im Eigentum ostdeutscher Unternehmer.
 
Drittens finden sich in Ostdeutschland viele Betriebe in temporär zwar funktionsfähigen, aber langfristig ungesicherten Überlebenskonstellationen ohne „Alleinstellungsmerkmale“, besonders im Bereich der nur regional bzw. lokal handelbaren Güter und Dienstleistungen. In diesem dritten Bereich, zu dem insbesondere die ostdeutsche Bauwirtschaft gehört, überwiegen Schrumpfungstendenzen, die durch die Abwanderung und die demographischen Entwicklung in den kommenden Jahren weiter forciert werden.
 
Diese Fragmentierung wirtschaftlicher Entwicklung wird exemplarisch dargestellt. Dazu sind u.a. anhand vorliegender Fallstudien unterschiedliche Fragmentierungsmuster darzustellen und zu vergleichen.

Die ostdeutsche Umbruchssituation

In diesem Abschnitt werden Einzelbefunde insbesondere aus den Kapiteln Gender und Genderregime, Einkommen, Erwerbsbeteiligung, Erwerbsverläufe, Regionale Disparitäten und Neue soziale Problemlagen in ihren Bezügen zu spezifisch ostdeutschen Problemen dargestellt. Dabei geht es um den Zusammenhang von wirtschaftlicher Entwicklung, sozialen Problemlagen und Schrumpfungsszenarien. Eine Integration soll zunächst die Konturen der Umbruchssituation insgesamt aufzeigen und dann Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen der Entwicklung in West- und Ostdeutschland bei der Suche nach neuen Entwicklungspfaden erörtern.

Bearbeiter

Thünen-Institut für Regionalforschung Bollewick