Kapitel 4: Teilhabekapitalismus. Fordistische Wirtschaftsentwicklung und Umbruch in Deutschland 1950-2009

Das Kapitel gibt einen Überblick über die wirtschaftliche und soziale Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland. Es werden Grundtrends des sozialen Wandels auf der Makroebene dargestellt. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf dem Zusammenhang von Produktion und Lebensweise und der Vermittlung dieses Zusammenhangs über Erwerbsarbeit und Konsum.

Die Daten für dieses Kapitel müssen drei Anforderungen genügen:

  • Der Umbruch im sozioökonomischen Entwicklungsmodell muss auf einer ersten Analyseebene anhand langer Reihen, möglichst beginnend in den 50er Jahren, nachvollzogen werden. 
  • Die verwendeten ökonomischen und demografischen Makrodaten müssen konsistent mit der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Datenbasis der sozioökonomischen Modellierung sein. Daher werden auf einer zweiten Analyseebene differenzierte Daten zur sozioökonomischen Entwicklung in konsistenter Reihe ab 1991 möglichst bis zum aktuellen Rand verwendet.
  • Die dargestellten Daten sollten nach Möglichkeit mit den international harmonisierten Datenreihen kompatibel sein, die für den internationalen Vergleich verwendet werden.

Demnach sind Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, aus den sozioökonomischen Datenbausteinen des Statistischen Bundesamts und aus dem Sozialbudget zu berücksichtigen.

Gesamtwirtschaftliche Entwicklung

Seit Mitte der 70er Jahre hat sich in der Bundesrepublik Deutschland eine Reihe wesentlicher Veränderungen in der Dynamik der volkswirtschaftlichen und sozioökonomischen Entwicklung ergeben: sinkende Wachstumsraten, steigende Sockelarbeitslosigkeit, wachsende Einkommensdifferenzen. An langen Reihen für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts, der Produktivität, der Einkommen, der Einkommensverteilung, des Sozialbudgets und der Konsumstrukturen ist zu prüfen, welche Entwicklungstrends das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell insgesamt charakterisieren und ob und welche Brüche es im Verlauf einzelner Indikatoren bzw. im Verhältnis bestimmter Indikatoren zueinander gibt. Folgende Zusammenhänge werden untersucht:

  • Rückkopplungen zwischen Massenproduktion und Massenkonsum, vermittelt über die Kopplung von Produktivitätssteigerung und Einkommenssteigerung, und die spätere Erosion dieses Zusammenhangs (z.B. durch zurückbleibende Einkommensentwicklung, Sättigung der Massenmärkte, Veränderung der internationalen Arbeitsteilung);
  • Einflüsse von Realzinsen und Inflationsrate auf Wachstumsrate und Bruttoinvestitionsrate;
  • hohe Anteile der Exportnachfrage am Bruttoinlandsprodukt und langfristige Außenhandels- und Handelsbilanzüberschüsse als Ausdruck eines für Deutschland typischen Musters der Verflechtung mit der Weltwirtschaft, das trotz Umbrüchen im internationalen Währungsregime und im Inland (z.B. Wiedervereinigung) bislang Bestand hatte.


Branchenstrukturen und Innovationsprozesse

Wie hat sich das Verhältnis der Branchen und Sektoren der Volkswirtschaft langfristig verschoben? Welche Branchen trieben die Entwicklung in den 60er und 70er Jahren an, welche sind es heute? Beobachtet werden hierzu, unter Berücksichtigung der Veränderungen des Import- und des Exportanteils, Verschiebungen des Wertschöpfungs- und Arbeitszeitvolumens. Zu prüfen ist ferner, inwieweit Aussagen über die Forschungs- und Entwicklungspotenziale und Investitionen in einzelnen Branchen dieses Bild erweitern können.

Fordistisches Teilhabemodell: Erwerbsarbeit und Konsum

Teilhabe beruhte in den 50er, 60er und 70er Jahren vor allem auf der parallelen Ausdehnung von Erwerbstätigkeit im Normalarbeitsverhältnis und Massenkonsum. Im Umbruch entsteht seit 1975 ein Sockel an Beschäftigungslosigkeit, bei steigender Erwerbsbeteiligung von Frauen und wachsenden Anteilen nicht-standardisierter Beschäftigung, während sich das Konsumwachstum verlangsamt.

Zur Herausbildung des deutschen Produktions- und Sozialmodells der Nachkriegsjahrzehnte hat die Neugestaltung des Transfereinkommenssystems in den 50er, 60er und 70er Jahren wesentlich beigetragen. An die Stelle innerfamiliärer Sach- und Finanztransfers traten gesellschaftliche Umverteilungen, insbesondere Finanztransfers zwischen großen gesellschaftlichen Gruppen bzw. Generationen. Die Grundzüge dieser Entwicklung können an Hand der sozioökonomischen Gesamtrechnung und der Entwicklung des Sozialbudgets nachvollzogen werden. Die Entwicklung und Finanzierung des Staatsbudgets, insbesondere des Sozialstaats und die Finanzierungsprobleme der Sozialversicherungen, Veränderungen in der Verteilung der Abgaben- und Steuerlast auf die Einkommensarten lassen sich anhand einfacher Makrokennzahlen zu Einkommenstransfers, Steuersystem, Subventionen, öffentlichen Gütern und Dienstleistungen nachvollziehen.

Demografie

In diesem Abschnitt sollen demografische Grundinformationen bereitgestellt werden, die für alle anderen Berichtskapitel einen bis 2030 absehbaren Rahmen der Bevölkerungsentwicklung beschreiben. Hierzu gehören auch Kennzahlen, die eine Abschätzung demografischer Faktoren für die Destabilisierung der Finanzen des Sozialversicherungen und des Staates (z.B. Jugend- und Alterskoeffizienten) erlauben.

 

Daten und Datenquellen zu diesem Kapitel finden Sie hier.

 
Ergebnisse
Land, Rainer/(Beteiligung Ulrich Busch) (2008): Ressourceneffizienz und die Grenzen des fordistischen Typs sozioökonomischer Entwicklung. soeb-Arbeitspapier 2008-3. PDF
Land, Rainer (2008): Teilhabe und Lohnentwicklung in Deutschland und im internationalen Vergleich von der Nachkriegszeit bis heute. soeb-Arbeitspapier 2008-4. PDF
Busch, Ulrich (2008): Staatsverschuldung und Finanzierung der Sozialsysteme. soeb-Arbeitspapier 2008-2. PDF
soeb-Arbeitspapier: Bevölkerung, Erwerbstätigkeit und Arbeitszeit (wird noch erstellt). PDF
Web-Tab. 4-1: VGR Deutschland 1950-2009. PDF
Web-Tab. 4-2: Internationale Daten. PDF
Web-Tab. 4-3: Umweltgesamtrechnung. PDF
Web-Tab. 4-4: Erwerbstätigkeit, Demographie. PDF
Web-Tab. 4-5: Historische Daten zur Einkommensentwicklung. PDF

Bearbeiter des Kapitels

Thünen-Institut für Regionalentwicklung Bollewick

Ulrich Busch, Technische Universität Berlin - Zentrum Technik und Gesellschaft