Kapitel 3: Gender und Genderregime

Geschlecht ist eines der grundlegenden Merkmale des sozioökonomischen Berichtsansatzes. Das Kapitel liefert den theoretischen Hintergrund und die Definition für die Analyseeinheit „Gender“ und spannt einen Analyserahmen für Genderregimes auf. Der Forschungsverbund geht von der Annahme aus, dass der Wandel des Genderregimes ein Antriebsfaktor für den Umbruch des deutschen Produktions- und Sozialmodells war und ist. Daher sind die zentralen Konzepte „Gender“ und „(Gender-)Regime“ grundlegend zu klären und unter Rückgriff auf die Befunde des Berichts zusammenfassend zu charakterisieren. Die Darstellung mündet in einen Vorschlag für Indikatoren zur regelmäßigen Beobachtung des Wandels im Genderregime.

Gender

Gender beschreibt im Gegensatz zu dem körperlichen Merkmal das sozial konstruierte Geschlecht. Zunächst ist der wissenschaftliche und politische Diskurs über ‚Geschlecht‘ zu rekonstruieren, der seit den 70er Jahren von ‚Frauenforschung und Frauenpolitik‘ über ‚Geschlechterforschung und Geschlechterpolitik‘ zu ‚Genderforschung und Genderpolitik‘ führte, wobei inzwischen auch ‚men’s studies‘ und der ‚De-Gendering-Ansatz‘ zu berücksichtigen sind. Die theoretisch einflussreichsten Konzepte von Geschlecht, Geschlechterdifferenzen, Gender, Doing und Undoing Gender, Geschlechterarrangements, Geschlechtergerechtigkeit, Gender Mainstreaming und Genderregimes werden zusammenfassend dargestellt und klar gegeneinander abgegrenzt. Eindeutige Gender-Definitionen sollen als Analyserahmen für die gesamte Berichterstattung dienen.

Das deutsche Genderregime

Auf Basis der theoretischen Gender-Bestimmung und einer Auswertung vorliegender Studien zu ‚Genderregimes‘ und ihrem Wandel werden sowohl das westdeutsche als auch das für die neuen Bundesländer bis 1990 prägende ostdeutsche Genderregime bestimmt und anhand von Makroindikatoren beschrieben. Dabei wird ein weites Konzept von Genderregime zugrunde gelegt, das nicht nur die politische (wohlfahrtsstaatliche) Regulation, sondern auch Ökonomie und Lebensweise, also Genderordnungen umfasst. Von besonderem Interesse ist die Konzeption von S. Walby, die Unterschiede und Veränderungen in den europäischen Genderregimes zwischen den Ländern sowie im historischen Verlauf beschreibt. Danach lassen sich Genderregime vor allem nach dem Grad der Rekonfiguration von Öffentlichem und Privatem sowie von Produktion und Reproduktion unterscheiden. Hierunter fallen beispielsweise das Verschwinden des fordistischen Modells des „Male-Breadwinner“, die Verwandlung privater Hausarbeit in Dienstleistungsarbeit, die wachsende Ungleichheit unter Frauen sowie geschlechtsspezifische Gesellschaftsspaltungen.

Der Verbund geht von der Annahme aus, dass sich die Genderregime der Bundesrepublik und der DDR vor allem durch unterschiedliche Strategien zur Ausschöpfung des Erwerbspersonenpotenzials und zur Deckung des zusätzlichen Bedarfs an Arbeitskräften unterschieden: Während in der DDR bereits in den 60er Jahren als Arbeitskräfte für Industrie und Verwaltung rekrutiert wurden, hielt die Bundesrepublik am Haupternährermodell fest und setzte auf Zuwanderung, was in beiden Landesteilen zu unterschiedlichen Genderregimen führte. Auf der Grundlage der eingeführten Analysedimensionen werden wir insbesondere darstellen, inwieweit diese Unterschiede heute fortbestehen bzw. inwieweit sie in differenten Regimetypen fortgeschrieben werden.

Ergebnisse
Betzelt, Sigrid: "Gender Regimes": Ein ertragreiches Konzept für die komparative Forschung. Literaturstudie. soeb-Arbeitspapier 2007-1. PDF

Bearbeiterin des Kapitels

Tanja Schmidt, Schmidt Sozialforschung