Kapitel 8: Sozioökonomische Dynamik der Energiewende

Dieses Kapitel behandelt das Verhältnis von technischer und sozialer Innovation. Hier steht allerdings nicht die alltägliche Nutzung neuer Technologie im Vordergrund; vielmehr ist mit der Stromerzeugung aus regenerativen Energiequellen die Innovation eines Produktionsmodells zu untersuchen. Exemplarisch lassen sich an diesem Thema Probleme eines „Pfadwechsels“ im Übergang in ein anderes sozioökonomisches Entwicklungsmodell und die Rolle gesellschaftliche Akteure sozialer Innovation darstellen. Zudem versucht der Verbund mit diesem Kapitel, an einem konkreten Gegenstand Fragestellungen von Nachhaltigkeitsstrategien in den sozioökonomischen Berichtsansatz einzubeziehen.

Einerseits steht die Elektrizitätswirtschaft für Kontinuität und pfadabhängige Entwicklung eines spezifischen Produktionsmodells, dessen technische und ökonomische Grundstrukturen sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben: verbrauchsferne, in einem Verbundsystem zentralisierte Stromerzeugung, Marktkonzentration in Form eines Oligopols weniger Großkonzerne. Weder die „Ölpreiskrisen“ noch wachstumskritische Umweltdebatten noch die ökologische Krise der fossil-atomaren Energiewirtschaft haben hier bisher einen Pfadwechsel eingeleitet.

Andererseits ist die Bundesrepublik inzwischen international Pionier und „Weltmarktführer“ bei Windenergie, Fotovoltaik und Solarthermie sowie beim Absatz von Biodiesel. Bei nahezu allen regenerativen Energieträgern der Stromerzeugung sind quantifizierbare ökologische und ökonomische Erfolge zu verzeichnen, die durch eine andere politische Regulierung der Elektrizitätswirtschaft (Erneuerbare-Energien-Gesetz, Liberalisierung des Stromsektors) begünstigt wurden. Insbesondere für Ostdeutschland gelten regenerative Energien als eine aussichtsreiche ökonomische Innovationsstrategie mit beträchtlichen Wachstumspotenzialen.

In diesem Kapitel wird diese Entwicklung als sozioökonomischer Innovationsprozess beschrieben. Bei den erneuerbaren Energien handelt es sich um eine radikale systemische Innovation, deren Erfolg von gesellschaftlichen Auseinandersetzungen abhängt und die in ihren Konsequenzen einen Wandel des Produktionsmodells in der Stromerzeugung auf die Tagesordnung setzt. Die soziale Dynamik dieser Innovation beruht – so die These – wesentlich auf einer vergleichsweise geringen Eingriffstiefe in die vorherrschende Lebensweise: Die Veränderung betrifft die regenerativen Energiequellen und die vor allem mit technischen Maßnahmen zu erzielende Energieeffizienz, nicht notwendigerweise das energetische Verbrauchsverhalten der Haushalte (Energiesparen).

Stromerzeugung aus regenerativen Energiequellen stößt aus drei Gründen einen Paradigmenwechsel im Energiesektor an:

  • Die Diffusion der regenerativen Energietechniken begann im Kontext einer sozialen (sozialökologischen) Bewegung, die Ökologie zur neuen Leitnorm des Handelns im Energiesektor erklärte.
  • Es entstanden neue wirtschaftliche Akteure und neue Organisationsformen der Stromerzeugung; diese neuen Stromproduzenten gehören unterschiedlichsten sozialen und ökonomischen Kontexten an (Bürgerinitiativen, Landwirte, Eigenheimbesitzer, „grüne“ und mittelständische Unternehmensgründer).
  • Die regenerative Stromerzeugung ist technisch und ökonomisch dezentralisiert.

Im Mittelpunkt der Berichterstattung über diesen Paradigmenwechsel sollen zwei aktuelle Fragestellungen stehen:

  • Wie verändert der ökonomische Erfolg der Innovation das Akteursfeld, und welche Konflikte ergeben sich hieraus, etwa zwischen professionalisierten mittelständischen Stromerzeugern und zivilgesellschaftlichen Initiativen, oder zwischen ökonomischen und ökologischen Argumenten zur Legitimation der erneuerbaren Energien? Lassen sich Produktions- und Organisationsmodelle nach lokalökonomisch eingebetteten oder überregionalen Finanzierungs- und Betreiberstrukturen unterscheiden?
  • Welche Konflikte ergeben sich aus der notwendigen Systemintegration der dezentralisierten Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen? Wie transformieren diese die zentralisierten Systemstrukturen des konventionellen Sektors? Hier sind wenigstens drei Lösungen denkbar: eine radikale Dezentralisierung der Stromerzeugung, -verteilung und -versorgung, eine nachrangige Einpassung der regenerativen Stromquellen in die zentralisierten Systeme oder eine technische Anpassung der bestehenden Netzstrukturen an die Einspeisung aus dezentralen und teilweise fluktuierenden Stromquellen.

Zunächst wird ein quantitativer Überblick über die Zunahme der Stromerzeugung aus regenerativen Energien und über das Entstehen neuer Stromproduzenten seit Beginn der 90er Jahre gegeben. Daran schließt sich der Versuch an, diese Stromproduzenten, ihre Produktionsmodelle und die bisher gefundenen Lösungen zur Netzintegration zu typisieren. Die wichtigsten Ausprägungen dieser Typologie werden anhand von Ankerbeispielen dargestellt.

Bearbeiter des Kapitels

Soziologisches Forschungsinstitut an der Georg-August-Universität Göttingen (SOFI)