Grundlagenarbeit an Begriffen, Konzepten und Fragestellungen

Die Sozialindikatorenbewegung und die empirische Sozialforschung haben bereits in den 1970er und 1980er Jahren den Anstoß dazu gegeben, dass für eine Dauerbeobachtung der gesellschaftlichen Wohlfahrt Indikatorensysteme entwickelt, regelmäßige Datenerhebungen etabliert und Berichtssysteme zu unterschiedlichen Themenfeldern institutionalisiert wurden. Sozialberichte sind so in Deutschland, in der Europäischen Union und in den meisten OECD-Ländern zu einem unverzichtbaren Bestandteil der gesellschaftlichen Infrastruktur geworden. Politische Aufträge und neue Surveys haben in den letzten Jahren noch einmal zu einer größeren Vielfalt und Spezialisierung der Berichtsansätze beigetragen. Konzepte der Lebensqualität und der Wohlfahrt bedürfen immer wieder der neuen Verständigung über normative Grundlagen und empirische Umsetzung. Das Netzwerk soll für die konzeptionelle Grundlagenarbeit und für den langfristigen Kompetenzaufbau einen Rahmen bieten. Es zielt auf Zusammenarbeit und Austausch mit den etablierten Institutionen der Sozialberichterstattung.

Die Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission (2009) hat auf europäischer Ebene den Fragen einer Beobachtung und Messung von Wohlfahrtsentwicklung „über das Bruttoinlandsprodukt hinaus“ neue politische Aktualität verliehen. International setzt sich dabei eine Interpretation von Lebensqualität durch, die gemäß dem Konzept der „Capabilities“ Wohlfahrt als Spielraum für individuelle, selbstbestimmte Lebensführung versteht. Parallel hierzu hat sich im deutschen öffentlichen Diskurs verstärkt der Leitbegriff der Teilhabe etabliert, an dem sich die Berichte zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland orientieren. Teilhabe dient heute als normativer Bezugspunkt für die Beobachtung von Ungleichheit und Wohlfahrtspositionen ebenso wie für Konzepte der Gleichstellungspolitik und des sozialstaatlichen Ausgleichs. Eine Reihe neuerer Sozialberichte bezieht sich auf Teilhabe als Gegenbegriff zu Prekarität und Ausgrenzung und als Bedingung gesellschaftlichen Zusammenhalts. Der Begriff wird jedoch nicht einheitlich verwendet und bedarf der konzeptionellen Klärung. Zu bestimmen ist unter anderem, wie sich Teilhabe als Leitbegriff für die Beobachtung von Ungleichheit und Verschiedenheit im Lebensverlauf zu anderen Begriffen der Sozialberichterstattung und Wohlfahrtsmessung verhält: also zu Lebenslage, Lebensqualität, Inklusion und Verwirklichungschancen („Capabilities“). Empirische Beobachtungs- und Messkonzepte für Teilhabe müssen geschärft werden. Normativ zielt Teilhabe nicht auf eine Gleichheit der Ergebnisse, also der realisierten und beobachteten Lebensweisen und Lebensverläufe, sondern auf eine Gleichheit der Wahlmöglichkeiten. Da Teilhabe- und Wohlfahrtseffekte von Lebenssituationen auch davon abhängen, ob Individuen sich für sie entscheiden konnten, besteht eine weitere Aufgabe darin, solche Entscheidungsprozesse zu erfassen und in die Berichterstattung zu integrieren.

Bedingungen für individuelle Teilhabe entscheiden sich auf der Makro- und Mesoebene: in der Volkswirtschaft, den Institutionen, den Unternehmen und den Haushalten. Daher bezieht eine sozioökonomisch erweiterte Sozialberichterstattung die Wohlfahrtsproduktion in die Beobachtung ein. Auf diese Weise ergänzt sie die teilweise hochspezialisierten Berichte zur individuellen Wohlfahrt einerseits und zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung andererseits und überwindet die disziplinären Grenzen zwischen ökonomischen und anderen sozialwissenschaftlichen Zugängen zu ihren Berichtsgegenständen. Mit dem Bericht der Enquête-Kommission Wachs­tum, Wohlstand, Lebensqualität (2013) besteht in Deutschland ein neuer politischer Auftrag, über die Entstehung und Verteilung von Gütern, die für die Wohlfahrt wertvoll sind, unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeit indikatorgestützt zu berichten. Das Konzept der Wohlfahrtsproduktion erweist sich als geeignet, um individuelle Teilhabeergebnisse in Beziehung zu strukturellen Teilhabebedingungen zu setzen und zu erklären, wie sich Beschäftigungs- und Bildungssysteme, soziale Nahbeziehungen und Rechtsansprüche in zentralen Teilhabedimensionen auswirken.

Strukturen und Muster, in denen Unternehmen, Staat, Verbände und private Haushalte zur Wohlfahrtsproduktion beitragen, sind zeitgebunden und länderspezifisch. Eine entscheidende Frage für die Sozial- und Wirtschaftsberichterstattung ist es, ob sich die Strukturen in einem gegebenen Rahmen pfadabhängig fortentwickeln oder ob sich ihr Zusammenspiel grundlegend verändert. Der Anspruch, Elemente der Kontinuität und der Transformation des Produktions- und Sozialmodells zu unterscheiden, schließt an einschlägige aktuelle Debatten an, inwieweit man von einem grundlegenden Wandel des demokratisch und sozialstaatlich regulierten Kapitalismus ausgehen kann. Das besondere Interesse gilt daher Konzepten und Indikatoren, die zur Beantwortung dieser Frage beitragen und die Besonderheiten des deutschen Falls im europäischen Kontext herausarbeiten können.